Die Wegwarte (Cichorium intybus L.)

(Zichorie, Sonnenwedel, Hansl am Weg, Sonnenbraut, Wegeleuchte, Verwünschte Jungfer)
 

Stängel sparrig-ästig.
Grundblätter schrotsägeförmig, unterseits borstlich behaart.
Obere Stängelblätter länglich-lanzettlich

 

Die Gemeine Wegwarte ist eine bis etwa 1,5 Meter hohe, mehrjährige und stark verzweigte Pflanze mit leuchtend blauen Blütenköpfchen, stark gesägten Blättern und tief reichenden Pfahlwurzeln. Sie stammt aus Europa und Asien, kommt aber inzwischen weltweit vor. Die als Chicorée bezeichnete Form dieser Art wächst zweijährig. Im ersten Jahr bildet sie eine Rosette aus löwenzahnähnlichen Blättern; im zweiten Jahr treibt sie einen Blütenstand. Wird dieser Austrieb im zweiten Frühjahr frühzeitig dunkel gestellt, bleibt er gelblich weiß und entwickelt ein aromatisch zartbitteres Aroma. Dieser verdickte, junge Austrieb wird abgeschnitten und kommt als Chicorée in den Handel; er wird roh gegessen oder gedünstet zubereitet. Von bestimmten Sorten derselben Pflanzenart stammt auch der Radicchio. Er wird einjährig gezogen und bildet eine dichte Rosette mehr oder weniger stark rötlich gefärbter Blätter, die ähnlich wie der Chicorée zartbitter schmecken. Eine zweite Varietät der Wegwarte ist die Wurzelzichorie mit stärker ausgebildeten, rübenartigen Wurzeln, die als Speicherstoff Inulin, ein von Fructose dominiertes Polysaccharid, enthalten. Diese Wurzeln dienen in gerösteter und gemahlener Form als Kaffee-Ersatz und werden als so genannter Zichorien-Kaffee angeboten. Ein weiterer, wichtiger Vertreter dieser Gattung ist die Endivie, eine Salatpflanze.

Inhaltsstoffe der Pflanze:
Inulin (siehe unten), Bitterstoffe (Intybin), Cholin. Cichoriumsäure. Milchsaft. Gallenwirksam. Droge: Radix Cichorii, Herba Cichorii.

Köpfchen mit Zungenblüten

 

                           

       Chicorée: Salatzichorie                 Chicorée: Radicchio

Lyrik:

Wolff, Julius

Wegewart

Es wartet ein bleiches Jungfräulein
den Tag und die dunkle Nacht allein
auf ihren Herzliebsten am Wege,
wartet am Wege, Wegewart!

Sie spricht: und wenn ich hier Wurzeln schlag'
und warten soll bis zum jüngsten Tag,
ich warte auf ihn am Wege,
warte am Wege, Wegewart!

Vergessen hat sie der wilde Knab',
und wo sie gewartet, da fand sie ihr Grab,
ein Blümelein spriesset am Wege,
spriesset am Wege, Wegewart!

Der Sommer kommt und der Sommer geht,
der Herbstwind über die Haide geht,
das Blümlein wartet am Wege,
wartet am Wege, Wegewart!

 

Die Wegwarte ist ein verwandeltes, blauäugiges Burgfräulein, das geduldig, aber umsonst am Wege wartete auf die Rückkehr ihres Bräutigams, der in den Krieg gezogen war.

Aus einem alten Lexikon:

Taxonomie:

Abteilung: Samenpflanzen (Spermatophyta)
Unterabteilung:Bedecktsamige Pflanzen (Angiospermae)
Klasse:Zweikeimblättrige Pflanzen (Dicotyledoneae)
Unterklasse:Asternähnliche (Asteridae)
Ordnung:Asternartige Pflanzen (Asterales)
Familie:Köpfchenblüter (Asteraceae (Compositae))
Unterfamilie:Zungenblütige Korbblütler (Cichorioideae)
Gattung:Cichorium (Cichorium)
Art:Gemeine Wegwarte (Cichorium intybus L.)

Mystik:

Vor allem aus dem ausgehenden Mittelalter sind viele Mythen bekannt, die der Wegwarte unglaubliche Zauberkräfte, vor allem im Liebeszauber, zuschreiben. Sie soll den Träger der (nach einem bestimmten Ritus ausgegrabenen) Pflanze im Kampf unbesiegbar und allgemein unverwundbar machen. Andere Mythen lauten dahingehend, dass eine Wegwarte unter dem Kopfkissen der Jungfrau im Traum den zukünftigen Ehemann erscheinen lässt. Wird die Pflanze am Peterstag mit einem Hirschgeweih ausgegraben, dann kann man einem anderen Aberglauben zufolge jede Person betören, die man damit berührt. Eine andere Quelle führt eine alte Sage an, nach der die Blüten der Wegwarte die blauen Augen eines verwandelten Burgfräuleins seien, das am Wege vergeblich auf die Rückkehr ihres Geliebten vom Kreuzzug in das Heilige Land wartet. Man mag hierin Motive des Romans Heinrich von Ofterdingen des romantischen Dichters Novalis wiedererkennen. Fraglich ist jedoch, ob in der Wegwarte etwa eine reale Entsprechung des Symbols der Romantik, der "blauen Blume", gesehen werden kann, das diesem Roman des Novalis' entstammt.

Kaffeeersatz:

In Zeiten großer Knappheit lieferte die Zichorie ein Ersatzprodukt für Kaffee, was ihr auch den Namen "preußischer Kaffee" einbrachte. Das ist zwar mittlerweile etwas aus der Mode gekommen, manchmal erlebt man aber beim ersten Schluck des schwarzen Getränks eine geschmackliche Überraschung: In einigen afrikanischen Ländern beispielsweise, die oft sogar über eine große Kaffeeproduktion verfügen, wird dem Kaffee Zichorie zugesetzt, was ihm ein ganz eigenes und angenehmes Aroma verleiht.
Der Zichorienkaffee entstammt den Wurzeln, die zunächst getrocknet, geschnitzelt und dann bei 140 ºC geröstet werden. Dabei entwickelt sich der zugleich etwas bittere und karamelartige Geschmack. Das Endprodukt wird als Pulver oder Flüssigextrakt vermarktet.

 

Inulin ist eine lineare Polyfructose mit ca. 30–60 Fructose-Einheiten in b 2-1-Bindung, die in der furanosiden Form vorliegen. Wahrscheinlich wird die Kette von Glucose (Gesamtanteil 2–3%) abgeschlossen; die Molmasse liegt bei ca. 5000.

Inulin:

(Dahlin, Alantin, Alant-Stärke  -  Abb. links)

Inulin findet sich allein oder mit Stärke zusammen als Reserve-Kohlenhydrat in Dahlienknollen, Artischocken, Topinamburknollen, Zichorienwurzeln, Löwenzahnwurzeln, in den Zellen von Alant = Inula-Arten (Name) u. a. Korbblütlern (Asteraceen), seltener auch in verwandten Pflanzenfamilien (Campanulaceae, Lobeliaceae). In den Zellsäften dieser Pflanzen ist das Inulin in übersättigtem  Zustand gelöst; es kristallisiert rasch aus dem Zellsaft aus, falls dieser z. B. aus einer verletzten Zelle fließt. In größeren Mengen gewinnt man Inulin aus dem wässrigen  Extrakt der Knollen durch Fällen mit Alkohol u. Ausfrieren. Mit Hilfe von Säuren oder Enzymen (Inulase) wird Inulin vollständig zu Fructose abgebaut u. kann zur Gewinnung von Fructose und zur Bereitung von Brot für Zuckerkranke (Diabetikerbrot) sowie zur Nierenfunktionsprüfung verwendet werden. Inulin wurde erstmals von Rose 1804 aus dem Rhizom von Inula helenium (Echter Alant) isoliert.
Anwendung: Als löslicher Ballaststoff mit Diabetiker-Eignung u. nicht-kariogenen Eigenschaften erfreut sich Inulin heute zur Herstellung  funktioneller Lebensmittel stetig steigender Beliebtheit. Inulin kann sowohl zur Ballaststoffanreicherung als auch als partieller Fett- u. Zuckerersatz verwendet werden.

Links:

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Literatur:

Nuhn, Chemie der Naturstoffe, Stuttgart 1990
Wolf-Dieter Storl & Paul Pfyl, Bekannte und vergessene Gemüse - Heilkunde, Ethnobotanik, Rezepte, 2002

Marzell, Heinrich: Zauberpflanzen Hexentränke. Brauchtum und Aberglaube, Reihe Kosmos Bibliothek, Band 241, Stuttgart 1963.

Die Arzneipflanze:

Aufgrund der Inhaltsstoffe ist die Wegwarte ein Tonikum amarum, das man bei Appetitlosigkeit sowie Galle- und Leberstörungen zusammen mit anderen Heilpflanzen gibt. Solche Teemischungen sind angezeigt bei Beschwerden, deren Ursache Stoffwechselstörungen sind, Appetitlosigkeit, Völlegefühl und Kopfschmerzen werden gelindert. Als Hausmittel wird die Wegwarte auch gegen Hautunreinheiten mit Erfolg angewandt. Die Wirkung der Wegwarte ist der des Löwenzahn sehr ähnlich, so dass eine Mischung von beiden ergänzt durch die Pfefferminze eine gute Empfehlung z.B. zur Frühjahrs- und Herbst-Kur ist. Rheumatische Beschwerden können dadurch gebessert, die Tätigkeit von Leber und Nieren gestärkt und dadurch das Wohlbefinden erhöht werden.

 Cichorium L.  [Meyers Großes Konversationslexikon 1905]

(Wegwart, Zichorie), Gattung der Kompositen, gespreizt ästige, ein- oder mehrjährige Kräuter mit fiederspaltigen oder grob gezahnten Blättern, ziemlich großen blaublütigen Köpfen und fast fünfkantigen, kahlen Achenen. 7–8 Arten im Mittelmeergebiet bis Abessinien. C. Endivia L. (Endivie - linke Abb.), 60–150 cm hoch, fast kahl, mit buchtig gezahnten Blättern und paarigen Blütenstielen, soll aus Ostindien stammen, ist aber vielleicht eine Kulturform von C. divaricatum Schonsb. im Mittelmeergebiet. Sie wird häufig in Gärten kultiviert, indem man die grundständigen, lockere Rosetten bildenden und meist zu Köpfen zusammenschließenden Blätter, besonders von der krausen Varietät (C. crispum Mill.), zu Salat benutzt. Die Blätter werden gewöhnlich durch Lichtentziehung gebleicht und sind dann ungemein zart, aber immer härter und starrer als Kopfsalat. C. Intybus L. (Zichorie, Feldwegwart, Sonnenwende), bis 1,25 m hoch, mit schrotsägezähnigen Wurzel- und lanzettlichen Stengelblättern und kurzgestielten blauen Blüten, findet sich in Europa und im gemäßigten Asien, vielfach in andern Gegenden eingebürgert. Ihre lange, mohrenförmige Wurzel (Weglungenwurzel) schmeckt unangenehm bitter und ist getrocknet geruchlos. Sie wird arzneilich benutzt und bildet, mit Zucker eingemacht, die Hindläufte der Konditoren. Das Kraut ist ein gutes Viehfutter und dient jung als Salat. Für diesen Zweck kultiviert man den Brüsseler Witloof und den Kapuzinerbart (Barbe du capucin), dessen Wurzeln, in einem dunkeln Keller in Pferdedünger eingepflanzt, farblose, äußerst zarte Blätter treiben (chicorée). In großem Maßstab kultiviert man die Zichorie, um die Wurzel als Kaffeesurrogat zu benutzen, besonders im Magdeburgischen, Braunschweig, Schlesien, Württemberg (im Deutschen Reich auf 11,000 Hektar), Belgien, Frankreich, Holland, Böhmen, Ungarn, Dänemark, Rußland etc. Die kultivierte Wurzel (Gewicht 2–400 g) ist stärker als die wild gewachsene, fleischig, mit verhältnismäßig breiter Rinde. Sie enthält außer einem Bitterstoff und Spuren von Gerbstoff 3–6 Proz. Zucker, 12–24 Proz. stickstofffreie (viel Inulin), 2–4 Proz. stickstoffhaltige organische Substanz und 2–5 Proz. Wasser. Die frische Wurzel wird auch als Beigabe zum Viehfutter benutzt, um den Stoffwechsel anzuregen, doch erregen größere Gaben einen rauschartigen Zustand. Zur Bereitung des Kaffeesurrogats (deutscher Kaffee) werden die Wurzeln gewaschen, zerschnitten, getrocknet, dann in eisernen Trommeln geröstet und auf Kollergängen, Scheibenmühlen oder Schlagmühlen gemahlen. Zusatz von 1–5 Proz. Sesam- oder Erdnußöl beim Rösten verbessert Geruch und Geschmack. Das Mehl wird in Dampfkammern feucht gemacht und bildet dann eine feste, bröckelige Masse, die in Paketen verpackt wird. Sie ist braun oder braunschwarz und gibt an Wasser 67 Proz. lösliche Bestandteile ab, die dasselbe dunkel färben und ihm einen bittern, zugleich süßlichen Geschmack mitteilen. Sie enthält in der Trockensubstanz 7–8 Proz. Stickstoff, 29–21 Proz. Zucker, 47–48 Proz. Inulin. Man benutzt die Zichorie als Zusatz zum Kaffee, in Belgien, Frankreich und Südeuropa wird auch ein Ausguß ohne Kaffee getrunken. Von den wirksamen Bestandteilen des Kaffees enthält Zichorie nichts, nur das brenzlige, durch das Rösten entwickelte Öl ist allenfalls entfernt mit dem Aroma des Kaffees zu vergleichen. Man darf daher auch nicht die Wirkungen des Kaffees von der Zichorie erwarten; dagegen soll sie bei anhaltender Benutzung auf die Verdauung nachteilig einwirken. Zichorienkaffee wird mit gerösteten Runkelrübenpreßlingen, auch mit Ziegelmehl, Ocker, Ton etc. verfälscht. Zichorienwurzeln wurden seit mehr als 100 Jahren in Haushaltungen am Nordrande des Harzes geröstet, um sie als Kaffeesurrogat zu benutzen. Um 1763 lenkten Förster und Major v. Heine die Aufmerksamkeit auf dies Präparat, und nach 1790 begannen Braunschweiger und Magdeburger Kaufleute Zichorienkaffee für den Handel herzustellen. Zu Anfang des 19. Jahrh. wurde die erste Fabrik errichtet, die besonders während der Kontinentalsperre ihr Fabrikat bei der armen Bevölkerung einzubürgern vermochte. Gegenwärtig besitzt das Deutsche Reich über 100, Europa 450 Zichorienfabriken. Deutschland liefert für rund 9 Mill. Mk. Rohstoffe und für 18 Mill. Mk. Fabrikate. Die Einfuhr betrug 1902 qu Rohstoffen 75,368, an Fabrikaten 18,184 dz, die Ausfuhr an Rohstoffen 13,617, an Fabrikaten 7641 dz. Vgl. Fries, Praktische Anleitung zum Kaffeezichorienbau (2. Aufl., Stuttg. 1886).