Der fehlgeprägte Schwan

Wo die Liebe hinfällt:
Am münsterschen Aasee hat sich ein schwarzer Trauerschwan unsterblich verliebt - in ein schwanenförmiges Tretboot. Rührend umwirbt der Junggeselle seine Angebetete, doch die bleibt kühl.
Majestätisch streckt der kohlschwarze Vogel seinen langen Hals in die Höhe und gibt einen herzzerreißenden Schrei von sich. Sein Ruf bleibt jedoch ungehört, die angebetete Schwanendame schweigt. Sie kann ihn nicht hören, sie kann ihm nicht antworten: Die weiße Schwanenfrau ist aus Plastik. Als Tretboot versüßt sie bei schönem Wetter Besuchern den Aufenthalt am münsterschen Aasee. Die Annäherungsversuche des schwarzen Schwanenmännchens sind somit von vornherein zum Scheitern verurteilt - seiner Bezeichnung Trauerschwan macht der unglücklich Werbende unfreiwillig alle Ehre. Eine tragische Liebesgeschichte. Wie aus dem Nichts tauchte der umtriebige Schwan am Anfang des Wonnemonats Mai an Münsters Aasee auf. Mittelgroß, noch nicht ganz ausgewachsen, mit tiefschwarzem Gefieder und leuchtend rotem Schnabel fiel das Tier - in Europa praktisch nicht verbreitet - Spaziergängern, Joggern und Radlern sofort auf. Schon nach kurzer Zeit lebte sich der Trauerschwan in Münster ein. Seine Balz- Bemühungen richtet er seitdem auf ein Tretboot in der Form eines weißen Artgenossen. Jeden Tag zieht er vom frühen Morgen bis spät in den Abend seine Kreise um die Schwanendame, beobachtet und beschützt sie. "Wenn ich mit einem Segelboot auch nur in die Nähe des Tretbootes komme, plustert sich der schwarze Vogel auf und zetert", erzählt Yachtschulenbesitzer Peter Overschmidt. "Dieses Verhalten weist darauf hin, dass der Schwan eine Bindung zum Tretboot aufgebaut hat. Offensichtlich verteidigt er sein Brutrevier", sagt Dirk Wewers, Verhaltensbiologe vom Allwetterzoo Münster. Dass sich leibhaftige Schwäne in Tretboote oder andere Imitationen vergucken, kommt immer wieder einmal vor. Zuletzt hatte ein Schwan auf der Alster in Hamburg eine Geliebte aus Kunststoff. Dennoch ist die Geschichte des münsterschen Vogels ungewöhnlich: Schwarze Trauerschwäne leben normalerweise nur mit gleichartigen Tieren in Einehe, die Liebe zur weißen Schwanendame sei daher auf jeden Fall etwas Besonderes, sagt Wewers.
Prägung und Fehlprägung:
Die Prägung ist ein einmaliger, obligatorischer Lernvorgang, bei dem ein Lebewesen in einer frühen und kurzen Phase seines Lebens (sensible Phase) etwas lernt, was oft lebenslang erhalten bleibt und irreversibel ist.
Am bekanntesten ist die so genannte Nachfolgeprägung, speziell bei Gänsen. Die Küken der Gänse müssen nach dem Schlüpfen erst lernen, wer ihre Mutter ist, sie verfügen also über kein angeborenes Erscheinungsbild der Mutter. Sie nähern sich in den ersten Stunden nach dem Schlüpfen vielmehr zunächst bevorzugt allen Objekten in ihrer Umgebung an, die sich bewegen und regelmäßig Lautäußerungen von sich geben. Nach wenigen Minuten Aufenthalt in deren Nähe folgen die Küken ihnen nahezu bedingungslos nach. In natürlicher Umgebung ist das jenes Tier, das die Eier erbrütet hat und alle fremden Individuen vom Nest fernhält – also die Mutter. Im Experiment mit Küken, die im Brutschrank auch von allen Geräuschen isoliert schlüpften, konnte man die jungen Testtiere hingegen in Minutenschnelle auch auf einen Fußball oder auf eine Holzkiste prägen. In den 1930er Jahren, wurde das Phänomen Prägung vor allem von Konrad Lorenz ausführlich beschrieben, genau definiert und in zahlreichen Versuchen analysiert. Bekannt geworden ist er daher u. a. als „Vater der Graugänse“: Lorenz sorgte wiederholt dafür, dass nur er selbst sich nach dem Schlüpfen von Küken in deren unmittelbarer Nähe aufhielt. Dies hatte zur Folge, dass die Küken auf Lorenz geprägt wurden und ihm nachfolgten, wohin auch immer er lief.
In der Verhaltensbiologie bezeichnet Fehlprägung eine für die betreffenden Arten unnatürliche biologische Prägung. Bekannt geworden ist vor allem die so genannte Nachfolgeprägung auf den Menschen (statt auf Artgenossen) durch die Aufzuchtexperimente von Konrad Lorenz mit jungen Graugänsen. Beim heimischen Wild betrifft die Fehlprägung zum Beispiel handaufgezogene Wildtiere, die später aufgrund der Fehlprägung aggressiv werden, nicht mehr ausgewildert werden können oder andere unangepasste Verhaltensweisen zeigen.

Cygnus atratus

Der Trauerschwan oder Schwarzschwan ist eine Vogelart aus der Gattung der Schwäne (Cygnus) und der Familie der Entenvögel (Anatidae). Er ist der einzige fast völlig schwarze Schwan und hat außerdem den längsten Hals aller Schwäne. Er ist etwas kleiner als der Höckerschwan. Das Gefieder und die Beine sind schwarz. Von weißer Farbe sind lediglich die Schwungfedern, die aber fast immer im Gefieder versteckt sind. An den Flügelrändern haben die Tiere gelockte Federn. Der Schnabel ist leuchtend rot gefärbt und wird von einem weißen Band nahe der Schnabelspitze geziert. Die Augenfarbe variiert zwischen orange und  hellbraun. Der Trauerschwan lebt an Seen mit Süß- oder Brackwasser in Australien, wobei er seichte permanente Wasserflächen bevorzugt. Außerhalb der Brutzeit ist er auch an Flüssen zu finden. In Europa und in den Vereinigten Staaten wird er gelegentlich in Parkanlagen gehalten und hat als so genannter Gefangenschaftsflüchtling auch hier schon vereinzelt in freier Wildbahn gebrütet. Im Unterschied zu vielen anderen Wasservögeln und auch zu den anderen Schwanenarten ist der Trauerschwan kein Zugvogel. Der Trauerschwan ernährt sich überwiegend von Wasserpflanzen und Algen, aber auch Körner wie zum Beispiel Weizen oder Mais fressen sie gerne. Ebenso zupfen sie gerne die Blätter von ins Wasser hängenden Trauerweiden oder auch ufernahes Gras ab. Trauerschwäne brüten meist in Kolonien. Sie errichten einen großen Nesthügel, der meist inmitten eines seichten Gewässers liegt. Sie benutzen dasselbe Nest jedes Jahr wieder und bessern es nur soweit aus, wie es notwendig ist. Wie andere Schwäne ist diese Art streng monogam. Beide Elternvögel sind am Nestbau beteiligt und sorgen für die Jungen. Das Weibchen legt vier bis acht blassgrüne Eier. Die Eier werden je nach Witterung fünf oder sechs Wochen lang abwechselnd von beiden Elternteilen bebrütet. Männchen sind eher schlechte Brüter, da sie gerne das regelmäßige Drehen und Wenden der Eier vergessen oder sich auch aus Versehen neben die Eier legen. Männchen und Weibchen teilen sich die Sorge um die Jungvögel, die nach etwa fünf Monaten flügge sind. Die Geschlechtsreife tritt mit zweieinhalb bis drei Jahren ein, danach werden die Männchen vor allem in Gefangenschaft extrem angriffslustig und aggressiv.

Konrad Lorenz

österreichischer Verhaltensforscher, geb. Wien 7.11.1903, gest. ebenda 27.02.1989; erforschte u.a. die stammesgeschichtliche Entwicklung des den Tieren angeborenen Verhaltens. Er erkannte die Bedeutung des Zusammenwirkens angeborener und erworbener (andressierter) Anteile im Verhalten höherer Tiere (Instinkt-Dressur-Verschränkung) und entdeckte das Phänomen der ethologischen Prägung. Lorenz erhielt 1973 (mit N. Tinbergen und K. von Frisch) den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Werke:

Das so genannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression (1963);
Über tierisches und menschliches Verhalten, 2 Bände (1965);
Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens (1973); Vergleichende Verhaltensforschung (1978);
Der Abbau des Menschlichen (1983)

 

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