Die Lustseuche

[Syphilis, Lues, venerische Krankheit, Franzosenkrankheit, harter Schanker]

Die Schlagzeile 03.03.1905
(Vor 100 Jahren)

Der deutsche Zoologe Fritz Schaudinn und der deutsche Dermatologe Erich Hoffmann entdecken am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin die Spirochäte [Treponema pallidum -spiralförmiges Bakterium] als Erreger der Syphilis. [meldepflichtige Infektionskrankheit, die vorwiegend durch Sexualkontakte übertragen wird]

 

                              

Die Krankheit:

Das typische Kennzeichen des ersten Stadiums der Syphilis ist der Schanker, ein kleines Geschwür, das sich drei bis sechs Wochen nach der Ansteckung an der Kontaktstelle entwickelt. Die vom Schanker abgesonderte Flüssigkeit ist höchst ansteckend. Etwa sechs Wochen später setzt mit einem Ausschlag am ganzen Körper das zweite Stadium ein. Im Mund tauchen schmerzlose Geschwüre auf, und im Genitalbereich entstehen häufig breite, warzenähnliche Schadstellen, die ebenfalls sehr infektiös sind. Manchmal beobachtet man Kopfschmerzen, Fieber und geschwollene Lymphknoten. Diese Symptome verschwinden gewöhnlich nach drei bis zwölf Wochen.

Nun folgt ein Latenzstadium, in dem äußerlich keine Krankheitszeichen zu erkennen sind; an inneren Organen kann es aber zu entzündlichen Veränderungen kommen. Dieser latente Zustand kann 20 bis 30 Jahre anhalten. In 75 Prozent der Fälle treten nie mehr neue Symptome auf. Wenn sich aber das dritte Stadium (die so genannte Spätsyphilis) entwickelt, tauchen unter der Haut und den Schleimhäuten sowie an den inneren Organen harte Knötchen auf, die man Gummen nennt. Häufig sind die Knochen betroffen, und auch Leber, Nieren und andere Organe werden in Mitleidenschaft gezogen. Die Todesursache ist meist eine Infektion des Herzens oder der Blutgefäße.

In fast 15 Prozent der Fälle von Spätsyphilis tritt eine Neurosyphilis auf; auffallendes Symptom ist eine Lähmung (Tabes dorsalis), die durch den Befall des Rückenmarkes entsteht. Weitere Symptome sind mangelnde Bewegungskoordination, Verlust der Blasenkontrolle und die Degeneration der Reflexe. Auch Psychosen können sich einstellen. Die Infektion der Gebärmutter kann zu Fehl- oder Totgeburten oder zur Geburt eines Kindes mit angeborener Syphilis führen. Solche Kinder zeigen oft charakteristische Merkmale wie hohe Stirn, Sattelnase und so genannte Tonnenzähne. Im zweiten Lebensjahrzehnt kommt es unter Umständen zum Verfall des Zentralnervensystems.



 

Historisches:

Am 22. Februar 1495 um 16 Uhr marschierte der französische König Karl VIII. (*1470, 1498) mit seinen Truppen in Neapel ein. Unerkannt im Marschgepäck ein erst 1905 entdecktes Bakterium namens Treponema pallidum, den Erreger der Syphilis. In kürzester Zeit verbreiteten die Soldaten die Seuche in der Stadt. Und schnell war auch der Name dafür in aller Munde: »Franzosenkrankheit«.
Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, woher die Krankheit ursprünglich kam. Man vermutet, dass die Seeleute des Christoph Kolumbus sie von der ersten amerikanischen Entdeckungsfahrt 1492/93 nach Spanien einschleppten, wo sie sich das Heer Karls VIII. einfing, das die »Lustseuche« dann beim gespenstisch-triumphalen Einzug in Neapel Europa endgültig in den Schoß warf.

 

1909 / 1910:

Mit der Entwicklung von Salvarsan, einem synthetisch hergestellten Präparat gegen Syphilis, schufen der deutsche Medizinnobelpreisträger Paul Ehrlich und der japanische Bakteriologe Sahatschiro Hata 1909 die Grundlagen der Chemotherapie. Nach Versuchen an 25 000 Patienten brachte die Firma Hoechst 1910 mit Salvarsan, das erste wirksame Chemotherapeutikum heraus.

Statistik:

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin hat die Zahl der Syphilisfälle in Deutschland deutlich zugenommen. 2001 wurden dem Institut 1 679 Fälle gemeldet; 2002 bereits 2 275 Fälle. Von der Zunahme betroffen sind insbesondere homosexuelle Männer in Großstädten wie Berlin und Hamburg; 85 Prozent der Infizierten sind Männer. (Ein direkter Vergleich zu den Jahren vor 2001 ist aufgrund der Umstellung des Meldeverfahrens nicht möglich: Seit Anfang 2001 werden Syphilisfälle dem Infektionsschutzgesetz entsprechend von den diagnostizierenden Laboratorien und nicht mehr von behandelnden Ärzten gemeldet). In Osteuropa nimmt Syphilis besonders stark zu. So ist die Zahl der Fälle in Russland von 1988 bis 1995 um das 40fache gestiegen, 1996 wurden 376 000 Fälle registriert; die meisten Erkrankungen gibt es in Sankt Petersburg.

 

Bekannte Opfer der Syphilis:

Al Capone, Mihai Eminescu, Erasmus von Rotterdam, Paul Gauguin, Francisco Goya, Heinrich Heine (umstritten), Ulrich von Hutten, Guy de Maupassant, Friedrich Nietzsche (umstritten), Harry Nelson Pillsbury, Kardinal Armand Jean du Plessis Richelieu, Arthur Schopenhauer, Franz Schubert, Robert Schumann, E.T.A. Hoffmann, Henri de Toulouse-Lautrec, Oscar Wilde (umstritten), Hugo Wolf, Klement Gottwald, Lenin u.a.

 


 

Diagnose / Behandlung / Schutz:

Zur Bestätigung der Diagnose gibt es mehrere Testverfahren für Blut und Rückenmarksflüssigkeit; am bekanntesten ist der VDRL-Test, der vom amerikanischen Venereal Disease Research Laboratory entwickelt wurde. Das bevorzugte Medikament für die Therapie ist Benzathin-Penicillin; es wird in allen Stadien zweimal wöchentlich injiziert, außer bei der Neurosyphilis. In diesem fortgeschrittenen Stadium gibt man es dreimal im Abstand von jeweils einer Woche. Zur Syphilisbekämpfung gehört auch, dass man alle Sexualkontakte des Patienten zurückverfolgt und sämtliche Personen behandelt, zu denen während der Infektionszeit solche Kontakte bestanden. Einen gewissen Schutz gegen die Ansteckung mit Syphilis bieten Kondome.

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Bakterien:     *      *    

 

Bücher:


Shelton, H. M.: Syphilis - Irrtum der Medizin. Ritterhude, 1990.

Bäumler, E.: Amors vergifteter Pfeil. Frankfurt, 1997.

Puenzieux, D./Ruckstuhl, B.: Sexualität, Medizin und Moral. Zürich, 1994.

 

Namensbildung:

Der Name Lues entstammt dem Lateinischen und bedeutet Seuche!
Der in der Umgangssprache häufigere Begriff Syphilis entstammt einer Art Lehrgedicht eines Arztes aus Verona/Italien, das er im Jahre 1530 verfasst hatte. In dem Werk erkrankte ein Hirte namens Syphilis an der Erkrankung als Strafe für ein gotteslästerliches Leben.
Am Ort des Erregereintritts, also Penis, Schamlippen, Vagina, im weiteren äußeren Genitalbereich, anal oder im Mund bildet sich nach Verstreichen der variablen Inkubationszeit zunächst ein schmerzloses Knötchen. Dieses zeigt eine ringförmige Verhärtung und arrodiert rasch zu einem Ulkus mit ödematösem, eingerolltem Rand. Diese Läsion wird auch als Schanker bezeichnet.
Franzosenkrankheit:  siehe "Historisches" !
venerische Krankheit: Geschlechtskrankheit