Die Papageienkrankheit:

 

Die Nachricht

Anfang Juni 2005 Großleinungen (Kreis Sangerhausen - Sachsen Anhalt):
In einem illegal betriebenen Geflügelhof bricht eine Geflügelkrankheit aus, die sich nach Untersuchungen als Ornithose erweist. Die Hühner, Gänse und Enten des Hofes werden von einer Spezialfirma getötet und entsorgt, der Hof wird desinfiziert. Inzwischen haben sich aber auch die ersten Menschen angesteckt und die Suche nach verkauftem Geflügel geht weiter.
18.06.05:
Die im Kreis Sangerhausen ausgebrochene Papageienkrankheit ist bei 3 Menschen endgültig bestätigt worden. Darüber hinaus gibt es weiter rund 20 Verdachtsfälle. Neben dem schwer erkrankten Sangerhäuser Amtstierarzt ist auch der Händler aus Großleinungen betroffen, von dessen illegaler Hühnerfarm die Krankheit ausging. Allein in Sachsen Anhalt sind in 63 von 107 untersuchten Betrieben Krankheitserreger nachgewiesen worden. Die Tiere von diesen Höfen müssen getötet und innerhalb von 4 Tagen entsorgt werden.

Die Krankheit


Die Ornithose ist eine weltweit verbreitete bakterielle Infektionskrankheit des Wild- und Hausgeflügels (Möwen, Tauben, Hühnervögel) und von Ziervögeln wie Sittichen und Papageien (Papageienkrankheit / Psittakose), die u.a. durch Einatmen des Staubs erregerhaltiger Ausscheidungen der befallenen Vögel oder durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren auf den Menschen übertragbar ist (Zoonose). Der Erreger gehört zur Gattung der Chlamydien (Chlamydia psittaci). Symptome sind Schläfrigkeit, Appetitlosigkeit, Schwäche, Durchfall, Lähmungserscheinungen und Krämpfe. Beim Menschen kommt es nach einer Inkubationszeit von 7 bis 18 Tagen zu grippeartigen Beschwerden oder zu einer hoch fieberhaften Bronchitis, Lungenentzündung und Herz-Kreislauf-Schwäche mit teils tödlichem Ausgang. Daneben gibt es symptomarme Formen. Die Behandlung erfolgt medikamentös mit Tetracyclinen, Makrolid-Antibiotika und Chinolonen. Verdachts-, Erkrankungs- und Todesfälle bei Mensch und Tier sind meldepflichtig.

Die Erreger

Die Bakterien der Gatt. Chlamydia sind obligat intrazelluläre, kokkenförmige Parasiten, die sich nur im Cytoplasma der Wirtszellen mit einem charakteristischen Entwicklungszyklus vermehren. Sie sind intrazellulär von einer Membran umgeben. Die Infektion der Wirtszelle (Wirt) erfolgt durch Anheftung von Elementarkörpern an die Zellwandmembran der Wirtszelle. Durch Endocytose oder Phagocytose gelangen die Elementarkörper in das Zellinnere. Dort wandeln sich die Elementarkörper in Initialkörper um, die sich durch Querteilung vermehren. Auf diese Weise entstehen 1000 und mehr Tochterzellen. Anschließend bilden sich aus den Initialkörpern reife Elementarkörper, die nach Lyse die Zelle verlassen und andere Wirtszellen infizieren. Der gesamte Zyklus dauert ca. 48 Stunden. Zwischen Parasit und Wirt kann sich ein Gleichgewicht einstellen, das häufig zu einer lebenslänglich anhaltenden latenten Infektion führt. Chlamydien sind in der Lage, ATP durch die Zellwand aufzunehmen ("Energieparasiten"). Chlamydia psittaci ist der Erreger der Papageienkrankheit oder Psittakose. C. trachomatis löst die Krankheit Trachom aus, eine Augenerkrankung, die zur Erblindung führen kann. C. pneumoniae ist der Erreger einer Vielzahl von Atemwegssyndromen.

Hinter dieser Fachwerkfassade in Großleinungen Hauptstraße 40 verbarg sich eine Illegale Hühnerfarm, in der die Ornithose ausbrach.

Internet:
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Literatur:
Krebsz, P. Die Erforschungsgeschichte der Ornithosen Frankfurt/Main, 1995

Fachworterklärungen:
ATP = Adenosintriphosphat  (temporärer chemischer Energiespender)
Autopsie = Leichenöffnung (Sektion)
chlamydos (grch.) = Mantel

Endocytose ist die Aufnahme von festen (Phagocytose) und flüssigen bzw. gelösten (Pinocytose) Substanzen in eukaryotische Zellen
Epidemiologie = Seuchenlehre
Kokken = Kugelbakterien
Kontagiosität = das Ausmaß, in dem eine Infektionskrankheit ansteckend ist
Lyse = Auflösung von Zellen
obligat = verbindlich
ornis (grch.) = der Vogel
Pandemien = Infektionskrankheiten, für die eine Massenausbreitung (Endemie, Epidemie) und ein schwerer Verlauf typisch sind.
Pathologie = Lehre von den Krankheiten, besonders von ihrer Entstehung und den durch sie hervorgerufenen organisch-anatomischen Veränderungen
psittakos (grch.) = Papagei
Pulmologie / Pneumologie:  Lehre von den Erkrankungen der Lunge und der Bronchien
Serologie = untersucht Abwehreigenschaften des Blutserums
Typhus = durch Salmonella typhi verursachte, melde- und isolierpflichtige Infektionskrankheit
Zoonosen = Infektionskrankheiten, an denen sowohl Menschen als auch (Wirbel-)tiere erkranken und die natürlicherweise zwischen beiden übertragen werden

Die Geschichte der Ornithose und Psittakose


1879 berichtete J. Ritter, praktischer Arzt in einem Marktflecken bei Zürich, die Geschichte von einer Hausepidemie von »Pneumotyphus«, welche seine eigene Familie heimgesucht hatte. Ritter brachte diese Manifestationen mit einem vor kurzem getätigten Einkauf von Papageien und Kolibris in Zusammenhang und wies auf einen durch die Käfige dieser Vögel transportierten Typhus hin. Für dieses Problem konnte jedoch trotz drei Eberth anvertrauter Autopsien keine Lösung gefunden werden.
1893 wird von einer zahlreiche Tote fordernden Pneumonieepidemie in Paris berichtet, deren hervorstechendes Kennzeichen es ist, dass sie jene Menschen heimsuchte, die vor kurzem Sittiche aus Südamerika erworben hatten.
Seither sind die Kenntnisse vom Ursprung und der Kontagiosität der Psittakose anerkannt, denn die große Presse hat sich ihrer angenommen, und die bakteriologischen Erforschungen sind voll im Gang. Nocard isoliert aus einem toten Papagei einen Bazillus, den er für auslösend hält. Die Frage scheint geklärt zu sein, und vierzig Jahre lang begnügt man sich damit, hie und da leidenschaftslos von einigen umschriebenen Herden zu berichten.
Doch dann bricht im Jahr 1929 eine echte Pandemie aus. Zahlreiche schwere Fälle von Pneumonie waren in Cordoba in Argentinien aufgetreten, und Barros, der in der Schweiz studiert hatte, brauchte nicht lange, um diese Epidemie den Psittakose-Erregern zuzuschreiben. Die gewarnten argentinischen Sittichzüchter beeilen sich, ihre Tierbestände zu Niedrigstpreisen anzubringen, und einige Monate später tritt die Krankheit in den Vereinigten Staaten, Europa und Nordafrika auf, wo sie achthundert Opfer fordert, von denen ein Drittel stirbt. Hutchison in London bezweifelt die Verantwortung des Bazillus von Nocard und schlägt einen filtrierbaren Virus vor. Doch erst infolge der Arbeiten von Bedson, Jacquepie und Ferrabouc konnten Levinthal in Deutschland, Coles in England und Lillie in den Vereinigten Staaten gleichzeitig den pathogenen Erreger isolieren, dessen Kultur auf einem Hühnerembryo die zur serologischen Untersuchung nötigen Antigene liefert.
Doch selbst nach ihrer Abgrenzung hat die Psittakose noch nicht alle ihre Geheimnisse preisgegeben. 1935 sollte nämlich die Untersuchung einer saisonbedingten epidemischen Pneumonie weit weg von Argentinien, auf den Färöer-Inseln, der Psittakose unerwartete Dimensionen geben.
R.K. Rasmussen Edje war von der Ähnlichkeit der von ihm beobachteten Fälle mit der Papageienkrankheit und vom vorwiegenden Befall von Frauen, welche mit der Zerlegung von Jungen einer arktischen Vogelart, dem Sturmvogel, beschäftigt waren, so beeindruckt, dass er daraus schloss, die Vögel seien die Ursache dieser Pneumopathien. Nach dreijährigen Forschungen bestätigten Heagen und Mauer tatsächlich die bakteriologische Identität dieser Pneumonien mit der Psittakose. Zum erstenmal wurde somit anerkannt, dass ein nicht zur Familie der Papageien gehörender Vogel eine Chlamydiakrankheit auslösen und den Menschen anstecken kann.  In der Folge wurden zahlreiche epidemiologische Untersuchungen unternommen, die sich auf vielerlei Tiergattungen erstreckten. So wurde nach und nach diese Infektion bei Tauben, Hühnern, Truthähnen und Enten erkannt. 1958 konnte K.F. Meyer achtundneunzig übertragende Arten aufzählen. Diese große Verbreitung rechtfertigt die Bezeichnung Ornithose. Gleichzeitig lassen in der menschlichen Pathologie die serologischen Untersuchungen von atypischen Pneumopathien eine Übereinstimmung der Morbidität erkennen und führten zur näheren Bestimmung der extrapulmonalen Begleitsymptome. Die Ornithose ist der Antibiotikatherapie zugänglich; diese hat vor allem in den letzten Jahren Nutzen aus mikrobiologischen Arbeiten gezogen. So konnte der Stellenwert der betroffenen Mikroorganismen besser definiert werden, die nacheinander Miyagawanella, Bedsonia und schließlich Chlamydia genannt wurden (1968).

Nach dem Ausbruch der Krankheit mussten inzwischen im Landkreis Sangerhausen über 1000 Hühner getötet werden.

 

Chlamydia psittaci (ornithosis).
auf Hühnerembryo gezüchtet. Giemsa-Färbung 850x

 

Chlamydia psittaci (ornithosis). E.M.
Schnittpräparat aus der Lunge eines Patienten. 6.600x