Mozarts Frieselfieber

Mozart (35 Jahre alt) komponiert das Requiem auf dem Totenbett, neben ihm Constanze - 1854 gemalt von William James Grant

 

Kann denn ein Biologie eine interessante Thematik zu Mozarts 250. Geburtstag (Salzburg 27.1. 1756) aufgreifen ? Aber sicher doch. Kein Ereignis aus Mozarts Biographie ist nebulöser, phantasievoller und unbefriedigender überliefert als Sterben, Tod und Beerdigung. Die Legende, dass ein eigenartig gewandeter Bote eines unbekannten Auftraggebers, ein „grauer Bote“ im Juli 1791 wie ein Abgesandter aus einer anderen Welt an Mozarts Tür erschienen sei und ihn im Auftrag eines anonym bleiben wollenden Bestellers mit der Komposition einer Totenmesse beauftragte, wird von fast allen Biographen Mozarts überliefert. Auch dass es danach bergab gegangen sei mit Mozarts Gesundheit.  Dass dieser graue Bote Franz Anton Leitgeb hieß und ein Abgesandter des musikliebenden Grafen Walsegg war, dessen Frau im Frühjahr verstorben war, weiß man heute. Walsegg wollte sich selbst als Komponist dieses Requiems ausgeben. Im Augenblick der Bezahlung Mozarts hätte das nach damaligen Gepflogenheiten seine Ordnung gehabt. Gegen Ende November 1791 legte sich Mozart krank zu Bett, von dem er nicht mehr aufstehen sollte. Noch auf seinem Todeslager, so wird berichtet, arbeitete er fieberhaft an dem Werk, das er nicht unvollendet lassen wollte. Am 4. Dezember, dem Tag vor seinem Tod, probte er angeblich mit einigen Freunden daraus das Lacrimosa, elf Stunden später war sein Körper dem „hitzigen Frieselfieber“ erlegen. Noch wenige Minuten zuvor habe er mit seiner Frau heiter geplaudert. Baron van Swieten, ein reicher Bekannter und Mäzen Mozarts, ordnete aus Gründen der Sparsamkeit ein Begräbnis 3. Klasse an. Am 6. Dezember fand die Trauerfeier statt. Constanze, die gleich nach dem Tode ihres Gatten erkrankte, konnte später, als die Grabstelle ihres Mannes aufsuchen wollte, keinerlei Spuren mehr finden. So endete bekanntlich das Leben dieses Genies.

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Literatur:

Einstein, A.: Mozart. Sein Charakter – sein Werk. Frankfurt/Main, 1991.
Greif, J.-J.: Mozart. München, 2003.
Jung, H. (Hg.): Mozart. Aspekte des 19. Jahrhunderts. Mannheim, 1995.
Küng, H.: Mozart. Spuren der Transzendenz. München, 1992.
Nagel, I.: Autonomie und Gnade. Über Mozarts Opern. Kassel-Wilhelmshöhe, 1991.
Pubilg, M.: Mozart. Ein unbeirrbares Leben. Berlin, 1995.

Woran starb Mozart?

Die Frage ist wahrscheinlich nicht mehr zu beantworten. Die Medizin im 18. Jahrhundert hatte nicht viel mit der heutigen Diagnostik und Therapie gemein. Beliebt waren Rosskuren und Aderlässe. Von Viren hatte noch niemand etwas gehört. Die Ärzte von damals sprachen eine andere Sprache und sahen "hitziges Frieselfieber" als Todesursache. Seitdem sind ganze Bücher geschrieben worden, wie die Diagnose wohl heute aussehen würde. Eine Infektion? Eine chronische Vorerkrankung, die zum Tod führte? Eine Kombination verschiedener Krankheiten? Oder war es eine Vergiftung? Mord? Jahrzehntelang wurde jedenfalls die Mordtheorie diskutiert. Doch wenn ermordet, dann: Von wem? Insbesondere Ehefrau Konstanze und der langjährige Mozart-Konkurrent am Wiener Hof, Antonio Salieri, wurden immer wieder als Verdächtige gehandelt. Doch Beweise für einen Mord konnten nie erbracht werden. So geht die moderne Literatur auch eher von einem Tod infolge von Krankheit aus, als von irgendwelchen Anschlägen.Über die Jahre geriet auch immer wieder die Bestattung Mozarts in die Kritik. Dass einer der berühmtesten Komponisten der Welt kein pompöses Begräbnis und kein stattliches Grabmal bekommen hat, liegt unter anderem daran, dass noch niemand ahnte, welche Berühmtheit Mozart durch seine Musik einmal erlangen würde. Also ließ Ehefrau Konstanze ihn auf die Art und Weise begraben, wie es den bescheidenen Lebensverhältnissen der Familie entsprach. Denn im Gegensatz zu heute waren Massenbegräbnisse durchaus üblich: Auch Friedrich Schiller endete knapp 15 Jahre später in einem Massengrab.

Eine Auflistung aller bis dato in Unmengen von Fachbüchern besprochenen Theorien über Mozarts Todesursache:

01. Nierenversagen [30 Autoren]
02. Herzversagen [14]
03. Therapiefehler, z.B. Aderlass [12]
04. Akute/chronische Infektionskrankheit [12]
05. Rheumatisches Entzündungsfieber [9]
06. Vergiftung, darunter 7 x Mord, 1 x Selbstintoxikation [8]
07. Arthritis [6]
08. Angeborene Missbildung [4]
09. Gehirnerkrankung [3]
10. Entzündliches Gallenfieber [2]
11. Basedow'sche Schilddrüsenerkrankung [2]
12. Hitziges Frieselfieber [1]
13. Renale Rachitis [1]
14. Trichinose [1]

Die beiden ersten nach Mozarts Tod ausgestellten amtlichen Dokumente:
 
ATTEST DER TOTENSCHAU
Den 6. Dezember 1791.
Der Titt. Herr Wolfgang Amadeus Mozart, k. k. Kapellmeister und Kammer-Compositeur, in der Rauhensteingasse im kleinen Kaiserhaus Nr. 970, am hitzigen Frieselfieber beaschaut, alt 36 Jahre. Im Freythof v. St. Marx.
III. Classe in der Pfarre St. Stephan 8 fl. 56 kr. Wagen 3 fl.

TOTENSCHEIN

Ich Endesgefertigter bezeuge hiemit aus dem Sterberegister der Pfarre St. Stephan vom Jahre 1791 fol. 173, daß der wohlgeborne

Hr. Wolfgang Amadeus Mozart,
k. k. Kapellmeister und Kammer-Compositeur,

katholischer Religion, 36 Jahre alt, allhier in der Stadt [in der Rauhensteingasse] Nr. 970 den fünften Dezember im Jahr Ein Tausend Sieben Hundert Neunzig Eins (den 5. Dezember 1791) am hitzigen Frieselfieber gestorben und den sechsten desselben Monats und Jahrs, von der hiesigen Hauptpfarre zum heil. Stephan aus, nach christ[lich]-katholischem Gebrauche auf dem St. Marxer Friedhof zur Erde bestattet sey.

aus einem alten Lexikon:

Friesel (Miliaria, med.), 1) (Frieseln, Frieselfieber), meist mit Fieber verbundner Ausbruch kleiner hirsenkornähnlicher Bläschen auf der äußern Haut, bes. des Rumpfes, auch an den Gliedern, seltner im Gesicht u. an den Händen, gewöhnlich über größere Flächen, doch nicht häufig über den ganzen Körper gleichmäßig verbreitet, selten zusammenfließend, mit Brennen u. Stechen in der Haut. Die Bläschen enthalten eine wasserhelle Lymphe, erreichen bisweilen auch die Größe von Erbsen (Perlfriesel, Krystallfriesel, M. crystallina) u. darüber u. füllen sich dann auch manchmal mit einer milchartigen Flüssigkeit, Milchfriesel (M. lactea), od. Eiter, Eiterfriesel (M. purulenta), od. gehn selbst in noch größere Blasen über, Blasen-friesel (M. bullosa), die jedoch immer einzeln stehen. Sie sind bald von einem rothen Hof umgeben u. selbst mehr von geröthetem Ansehn, Rothes F. (M. rubra); bald ohne jenen u. weiß, Weißes F. (M. alba). Das F. erscheint meist als symptomatisches Leiden in Begleitung mäßig entzündlicher, nervöser, fauliger, gastrischer, katarrhalischer, vorzüglich auch rheumatischer Fieber u. anderer Krankheiten, bes. von Störungen im Unterleibe, so wie in Folge von, in Fiebern im Übermaß angewendeten schweißtreibenden u. erhitzenden Mitteln u. Verhalten. Idiopathisch kommt es noch am häufigsten bei Wöchnerinnen (Wochenfriesel) u. im Geleite einer rheumatischen Constitution in manchen Gegenden Frankreichs u. Deutschlands, manchmal selbst epidemisch, sehr selten ansteckend vor. Das fieberhafte F. verlänst in 4 Zeiträumen: dem der Vorboten, des Ausbruchs, des Exanthems u. der Abschuppung. Eintritt meist mit starkem Froste u. darauf folgender, mit Frösteln abwechselnder Hitze, welcher bald starke, klebrige, eigenthümlich modrig u. sauer riechende Schweiße folgen, wobei die äußern Theile leicht kalt werden; ist begleitet von Angstgefühl u. Brennen in der Herzgrube, Herzklopfen, Ohnmachten, Husten, flüchtigem od. auch anhaltendem Stechen in der Brust od. im Unterleibe, den rheumatischen Schmerzen ähnlichen Empfindungen in den Gliedern, so wie Prickeln, Stechen u. Pelzigsein darin. Der Ausbruch des F-s erfolgt bald schon am 2. Tage, bald später selbst erst am 14. u. keineswegs immer an den kritischen Tagen, weshalb er auch nicht immer kritisch ist, oft nur zum Theil od. gar nicht, so daß sich auch die Zufälle darauf bald unmerklicher, bald merklich mindern, bald nicht. Der Ausbruch ist entweder in 24 Stunden vollendet, od. es folgen ihm neue. Gewöhnlich danern die Schweiße noch länger darnach fort. Die Abschuppung ist kleienartig u. erfolgt am 9. bis 14. Tage. Das Chronische F. entsteht theils, indem das acute wiederholte Anfälle macht, theils tritt es in Folge innerer Störungen, für die es Ableitungen bildet, auf. Die Entstehung des F-s beruht auf einer eigenthümlichen Schwäche od. auf erschöpfender Thätigkeit der Haut u. kommt zu Stande durch Verstopfung der Ausführungsgänge der Schweißdrüschen der Haut. Die Gefahr desselben wird hauptsächlich durch das begleitende Fieber od. die zum Grunde liegenden Krankheitszustände bestimmt. Sehr schlimm sind die Verbindungen mit Nerven-, fauligem Fieber, oft auch die mit Wochen- fiebern (s.u. Kindbetterin). Leicht wird das F. gefährlich dadurch, daß man sich vor Erkältung kaum genug in Acht nehmen kann. Bei leichtern Fiebern bringt das F. weniger Gefahr, bildet aber oft nur eine unvollkommene Krisis u. zieht die Krankheit leicht in die Länge. Die ärztliche Behandlung muß sich hauptsächlich nach den damit verbundenen Fieberzuständen richten. Zu warmes Verhalten ist eben so sehr zu meiden, als zu kaltes. Ein kräftig antiphlogistisches Verfahren ist eben so unpassend, als ein zu reizendes u. erhitzendes. 2) Schweißfriesel (Sudamina, Hidroa), mehr in Folge starker Schweiße, vorzüglich auf der Brust u. am Halse ausbrechender Bläschenausschlag, blos im Äußern dem F. ähnlich.

Rezension von  Dieter David Scholz    Ludwig Köppen: Mozarts Tod. Ein Rätsel wird gelöst; Ludwig Köppen Verlag 2004

Es mangelt nicht an Mozartliteratur. Doch kein Ereignis aus Mozarts Biographie ist nebulöser phantasievoller, unbefriedigender überliefert als sein Tod und seine Beerdigung. Selbst namhafte Mozartbiographen befleißigen sich mangels exakten Wissens und zuverlässiger Quellen mehr oder weniger unglaubwürdiger Ausflüchte, Rekonstruktionsversuche oder Legendendichtungen. Der Kölner Autor Ludwig Köppen, promovierter Mathematiker, Statistiker und  Mozart-Privatgelehrter, hat das Rätsel um Mozarts Tod zum Thema eines Buches gemacht. Mozarts Requiem gilt gemeinhin als sein letztes, unvollendetes Werk. Die Legende, dass ein eigenartig gewandeter Bote eines unbekannten Auftraggebers, ein „grauer Bote“ im Juli 1791 wie ein Abgesandter aus einer anderen Welt an Mozarts Tür erschienen sei und ihn im Auftrag eines anonym bleiben wollenden Bestellers mit der Komposition der Totenmesse beauftragte, wird von fast allen Biographen Mozarts überliefert. Auch dass es danach bergab gegangen sei mit Mozarts Gesundheit. „Gegen Ende November 1791 legte sich Mozart krank zu Bett, von dem er nicht mehr aufstehen sollte. Noch auf seinem Todeslager arbeitete er fieberhaft an dem Werk, das er nicht unvollendet lassen wollte. Am 4. Dezember, dem Tag vor seinem Tod, probte er mit einigen Freunden daraus das Lacrimosa und elf Stunden später war sein Körper dem hitzigen Frieselfieber erlegen. Noch wenige Minuten zuvor hatte er mit seiner Frau heiter geplaudert. Baron van Swieten, ein reicher Bekannter Mozarts, ordnete aus Gründen der Sparsamkeit ein Begräbnis 3. Klasse an. Am 6. Dezember fand die Trauerfeier statt. Constanze, die gleich nach dem Tode ihres Gatten erkrankte, konnte später, als die Grabstelle ihres Mannes aufsuchen wollte, keinerlei Spuren mehr finden. So endete bekanntlich das Leben dieses Genies. Oder war alles ganz anders?“ Ludwig Köppen stellt diese Frage an den Beginn seines Buches. Er will sich nicht zufrieden geben mit den überlieferten Behauptungen und Vermutungen um Mozarts Tod. Tatsächlich verschleiern ihn alle namhaften Mozartbiographen, ob Otto Erich Deutsch, Erich Schenk, Egon von Komorzynski, Franz Xaver Niemetschek, Friedrich Rochlitz, Georg Nikolaus Nissen, der spätere Gatte Constanzes, ob Otto Jahn, Carl Bär oder Volkmar Braunbehrens. Alle sahen sich der Verlegenheit ausgesetzt, über die genaue Todesursache Mozarts und das Verschwinden seiner Leiche nur Mutmaßungen anstellen zu können. Wo sie nichts wussten, halfen sie sich mit Vermutungen und nebulösen Formulierungen. Sie alle schreiben, dass Mozart, der immerhin von zwei bedeutenden Ärzten Wiens betreut wurde und schlimmste Vergiftungssymptome, darunter totales Nierenversagen aufwies, nicht in ein Krankenhaus gekommen sei, dass Mozarts Leiche, nach einem Tag Aufbahrung im Sterbehaus von Unbekannten weggeschafft worden, angeblich für nur einen Tag in einer Seitenkapelle von St. Stephan, die Kruzufixkapelle gebracht worden und am Abend, nach Einbruch der Dunkelheit in den 5 Kilometer vor Wiens Mauern gelegenen St. Marxer Friedhof überführt worden sei. Weder Mozarts Gattin, noch Verwandte, Freunde, Kollegen oder die Brüder der Freimaurerloge, der Mozart angehörte, hätten sich, so liest man übereinstimmend, um Mozarts Tod und Beerdigung gekümmert. Merkwürdig für einen der aufsehenerregendsten Komponisten seiner Zeit. Es war Baron van Swieten, einflussreicher Hofbeamter, und einer der reichsten Mäzene und Freunde Mozarts, der sich  um Mozarts Begräbnis kümmerte. Ausgerechnet ihm war Mozart  allerdings nur ein Armenbegräbnis wert. Mozarts Witwe Constanze wurde sofort nach Mozarts Tod – von wem auch immer - zu einer ihr offensichtlich wenig oder unbekannten Familie gebracht. Und dann verlieren sich die Spuren. In aller Anonymität  und Eile wurde Mozart auf dem St. Marxer Friedhof verscharrt, in einem Reihengrab. Es erhielt weder Kreuz noch Grabstein, blieb unauffindbar für alle, die nach ihm suchten, bis heute. Die Zeitungen schwiegen, die Witwe Constanze schwieg, sie besuchte den Friedhof ihres Mannes erst 17 Jahre nach seinem Tod zum ersten Mal.  Da war bereits keine Spur seines  Grabes mehr aufzufinden. - Man muss kein Kriminalist sein, um die Tatsächlichkeit dieser Zusammenhänge in Frage zu  stellen. Ludwig Köppen wagt eine Hypothese. Sie ist, wie er selbst zugesteht, nicht neu. Schon Wolfgang Hildesheimer hat den Verdacht geäußert, aber Köppen geht ihm mit kriminalistischem Spürsinn nach: "Spätestens Ende Juni des Jahres 1791 hat Mozart intimen Verkehr mit einer Frau, die an Lues erkrankt ist. Nach etwa 2 Wochen treten die Symptome des Primärstadiums auf, sie sind weder zu übersehen noch zu verkennen. Mozart behandelt sich lokal mit quecksilberhaltigen Salben. Dies führt er in Prag fort, wo er mit Constanze und Franz Xaver Süßmayer am 28. August eintrifft." Franz Xaver Niemetschek, der mit Mozart in Prag Umgang pflegte, bestätigte in seinem Mozartbuch diesen Verdacht: "Schon in Prag kränkelte Mozart unaufhörlich; seine Farbe war blass und die Miene traurig." Mozarts Gesundheitszustand verschlechtert sich nach seiner Rückkehr nach Wien – so Köppen - infolge zunehmende Quecksilbervergiftung dramatisch. "Jedenfalls kommt es bei Mozart zu einer irreversiblen Schädigung des Nierenparenchyms, in deren Gefolge Nierenversagen mit komplett eingestellter Harnproduktion und fortschreitender Harnvergiftung auftreten. Mozart ist mit keinem damals vorhandenen medizinischen Mittel zu retten." Die Tatsache, dass beide Mozart behandelnden Ärzte, Dr. Closset und Dr. Salaba, Spezialisten für Venerologie und zuständig auch für das Hauptspittal Wiens samt Siechenhaus und Station für Venerische, Mozart nicht einliefern, sondern zuhause qualvoll sterben lassen, offensichtlich die Verlegenheitsdiagnose vom Frieselfieber stellen, dass Mozart heimlich und anonym beerdigt wurde, verdichtet sich für Köppen zu einer eindeutigen Indizienkette: "Hier ist eine Retuschierung der Wahrheit vorgenommen worden. Die beiden erfahrenen Ärzte lassen den Moribunden  in Ruhe zuhause sterben, was den Vorteil einer Ehrenrettung hat. "Warum wird Mozart nicht in seiner Heimat eingesegnet, warum verweigert ihm die Kirche die Sterbesakramente, warum unternehmen die Brüder von der Loge nichts, warum schweigt Constanze auch später zu den Vorgängen? Die entscheidende Frage lautet: Warum agiert Gottfried van Swieten so seltsam, reißt alle Formalitäten an sich und lässt Mozart in einem anonymen Armengrab begraben? Immerhin ist er einer der bis dahin spendabelsten Freunde und Auftraggeber Mozarts gewesen, zudem als Präses der Studien- und Bücherzensurhofkommission, Präfekt der Hofbibliothek und königlicher Stephansritterordenskommandeur einer der reichsten Männer Wiens. Auch dafür hat Köppen eine Antwort: "Alles hängt einzig von seiner unglücklichen Tat ab, die darin bestand, dass er Mozart mit dem quecksilberhaltigen Therapeutikum aus dem Vorrat seines Vaters versorgt hat, wozu ihm jegliche Befugnis fehlt. Ein unter Kaiser Joseph dem Zweiten herausgegebener Erlass schreibt vor, dass Gifte nur von Apothekern abgegeben werden dürfen, die darüber genau Buch zu führen haben. Aus der Sicht eines Strafverfolgers hat Baron van Swieten widerrechtlich Gift weitergegeben. Er steckt in einem Dilemma: Kommt sein Vergehen an den Tag, lässt sich ein Skandal kaum unterdrücken. Vielleicht muss er eine polizeiliche Untersuchung gewärtigen und ist gesellschaftlich ruiniert." Deshalb, so Köppen, habe der Baron, in Absprache mit dem Hof, vorgesorgt und ein Verschleierungs-Szenario entworfen und durchgeführt, das sicherstellte, dass alle pikanten Details geheim gehalten, die Öffentlichkeit ausgeschlossen, dass sein eigener und der Ruf Mozarts unbescholten blieben und Konstanze - der dafür materielle Sicherheit versprochen wurde – stillschwieg. Van Swieten wurde übrigens – dies ist jedenfalls eine verbriefte Tatsache - noch am Tage von Mozarts Tod sämtlicher Hofämter enthoben. Köppens Hypothese ist konsequent und in sich schlüssig. Seine Indizienanhäufung ist erdrückend. Nur: Köppen liefert keinen einzigen Beweis. Auch für ihn gilt, was der Mozartforscher Helmut Perl in Bezug auf die übrigen Mozartbiographen in seinem demnächst erscheinenden Buch zum selben Thema anmahnt: "Nicht ein einziges der als faktisch unvermeidlich und damit unwiderleglich hingestellten und als Tatsachen vermuteten und dargestellten Ereignisse kann belegt werden." Es bleiben also weiterhin alle Fragen offen. Und Köppens Hypothese bleibt ein - wenn auch faszinierendes und in sich logisches - Gedankenkonstrukt. Wer Köppens Hypothese folgen möchte, wird in seinem Buch alle nur erdenklichen Argumente, die dafür sprechen, finden. Darüber hinaus eine eindrucksvolle Dokumentation der Damenbekanntschaften Mozarts, plastische Schilderungen des Schreckgespenstes Syphilis im Wien des achtzehnten Jahrhunderts und eine luzide medizinische Lektion in Sachen Lues. Was die Syphilis im Wien des achtzehnten Jahrhunderts bedeutete, hat man anschaulicher nie vermittelt bekommen als in Köppens Buch. Insofern schließt das Buch in jedem Fall eine Lücke der Mozart-Literatur. Die Lücke in Mozarts Biographie schließt es nicht. Des Rätsels Lösung, die Köppen auf dem Titel seines Buches verspricht, sie bleibt in weiter Ferne. Es könnte alles auch ganz anders gewesen sein. Zum Beispiel wie Helmut Perl vermutet, und auch er hat triftige Argumente für seine Hypothese, dass nach der "Zauberflöte", die Perl übrigens in seinem letzten Buch als chiffrierte Kampfansage eines radikal aufklärerischen Illuminaten an Adel und Klerus überzeugend dechiffrierte, dass nach dem Titus", den die Kaiserin als "porcheria tedesca" bezeichnete, die "Begräbnisreaktion" von Adel und Klerus zum Racheschlag an Mozart ausgeholt habe. Er sei exkommuziert worden, und  schließlich, angeführt vom reaktionären Leopold dem Dritten, der für seine Hatz auf die Illuminaten bekannt war, und den Jesuiten, unter deren starkem Einfluss die Kaiserin stand, auf dem Schindanger verscharrt worden. Wie auch immer man die Umstände von Mozarts Tod, mehr noch seiner Beerdigung und der Unauffindbarkeit seines Grabes bewerten, welche Schlüsse man daraus ziehen mag: Das ominöse Geschehen um Mozarts schmachvolles Ende ist bezeichnend für das Ende der liberalen Epoche Wiens (unter Joseph dem Zweiten), für Mozarts Größe und die Irritation, die er schon zu Lebzeiten ausgeübt haben muss. Das Thema wird die Mozartverehrer auch weiterhin beschäftigen.