Der Kleiber (Sitta europaea) - Vogel des Jahres 2006

Deutschlands Wälder, der Lebensraum des Kleibers, sind gleichzeitig ein Wasserspeicher und nehmen sehr viel Kohlendioxid aus der Luft auf. Eine sorgsame Behandlung des Kleiber-Lebensraums ist damit auch ein gesellschaftlicher Beitrag zum Hochwasser- und Klimaschutz. Gefahren drohen dem Wald durch ökonomische Zwänge der Forstwirtschaft. In einigen Bundesländern ist auf landeseigenen Flächen ein massiver Einschlag in alte Baumbestände zu beobachten. "Hier wird das, was der Naturschutz seit Jahrzehnten gefordert hat, wieder ins Gegenteil verkehrt", kritisierten die Naturschützer. "Ohne Altholz geht es für den Kleiber nicht", ist ihr Credo. Der Kleiber könne zwar zur Nahrungssuche an einzelnen Bäumen im Garten erscheinen, aber nur unter der Voraussetzung, dass er einen Nistplatz in der Nähe hat. Dazu braucht er einen kleinen Wald oder Park mit älteren Bäumen. Der Kleiber bevorzugt Bäume mit grober, borkiger Rinde, ideal sind Eichen. Er nistet auch in Birken und Buchen. Der Kleiber lebt aber auch in Feldgehölzen, in Baumhecken, Alleen, Parkanlagen, größeren Gärten und Streuobstwiesen. Neben der Struktur des Waldes bestimmt das aus Baumsamen bestehende Nahrungsangebot den Lebensraum des Kleibers. Der Vogel bevorzugt Bucheckern, aber auch die Becherfrüchte der Eibe frisst der Kleiber gern. Mit seinem Schnabel gelingt es dem Kleiber, auch Haselnüsse aufzuhacken. Im Hochgebirge sind die Nüsschen der Zirbelkiefer oder Arve eine wichtige Winternahrung. Neben der pflanzlichen Nahrung fressen Kleiber auch Insekten und Spinnen. Sie spielen vor allem eine wichtige Rolle bei der Ernährung des Nachwuchses. Dabei werden besonders auch Raupen an die Jungen verfüttert. Im Winter ist der Kleiber oft Stammgast am Futterhaus, wo er sich geschickt die Nüsse aus den Futternetzen herauspickt.

Die Schlagzeile:

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat den Kleiber zum Vogel des Jahres ernannt. Der kleine Akrobat kann kopfüber an Baumstämmen hinablaufen und fällt auch gesanglich auf, indem er Pfeiflaute in gleichmäßig sinkender Tonhöhe hervorbringt, was man als Abwärtspfeifen bezeichnet. Dass die Naturschützer von NABU und bayerischem Landesbund für Vogelschutz das blau-ocker gefärbte Tier in Berlin zum Vogel des Jahres kürten, hat seine Ursache nicht darin, dass die Art etwa gefährdet wäre. Es gibt mehr als eine Million Brutpaare in deutschen Wäldern. "Die Wahl des Kleibers ist ein Plädoyer für den Schutz von Buchen- und Eichenwäldern", sagte NABU-Vizepräsident Helmut Opitz. Der Kleiber stehe stellvertretend für einen Lebensraum in Deutschland und Mitteleuropa, der auch für viele andere Vögel wie Spechte, Meisen oder Greifvögel unverzichtbar sei. "Der Kleiber ist die Stimme unserer Wälder", betonte Opitz. Er läuft die Baumstämme hinauf und herunter, weil er in der Rinde Nahrung findet. Überhaupt sind die Fähigkeiten des Tieres vielseitig: Er kann den Eingang seiner Bruthöhle durch "Kleibern" (Kleben) von Lehmkügelchen auf die eigene Körpergröße verkleinern und so Feinde außen vor halten.

aus: NAUMANN, NATURGESCHICHTE DER VÖGEL MITTELEUROPAS: Band II, Tafel 23 - Gera, 1897

 

Kleiber lieben hochgelegene Bruthöhlen. Ist das Flugloch zu groß, so dass der Kleiber fürchten muss Säugetiere oder größere Vögel wie beispielsweise Stare könnten eindringen, verengt er den Eingang, bis er gerade noch durchpasst. Erdklümpchen werden mit kurzem Druck an die Unterlage geklebt und mit der Schnabelspitze durch Klopfen befestigt. Der Kleiber beginnt meist schon im März – und damit früher als die meisten Meisenarten – mit dem Nestbau. Potenzielle Bruthöhlen werden bereits im Spätherbst inspiziert und im Februar gesäubert. Zumeist bauen die Weibchen das Nest. Hauptlegezeit der Eier ist in tieferen Lagen Mitteleuropas die zweite beziehungsweise dritte Aprildekade. In der Regel werden sechs bis sieben Eier gelegt. Anfang Juni fliegen die Jungvögel aus. Zweitbruten sind selten. Altvögel bleiben in der Regel ganzjährig im Revier. Jungvögel siedeln sich gewöhnlich innerhalb eines Radius von wenigen Kilometern an. Ziehende Kleiber werden nur selten beobachtet.

Der Kleiber ist mit 12 bis 15 Zentimetern von der Schnabelspitze bis zum Schwanzende etwa so groß wie eine Kohlmeise. Er hat eine kompakte Gestalt mit einem relativ großen Kopf und einem langen spitzen Schnabel. Das Rückengefieder ist graublau gefärbt, die Unterseite dagegen hell bis rostbeige. Die Männchen lassen sich an den dunkel-rostbeigen Flanken von den Weibchen unterscheiden. Der lange schwarze Augenstreif grenzt den blaugrauen Kopf vom weißlichen Hals ab. Nur die Männchen singen. Als Reviergesang ist vor allem die laute Pfeifstrophe „wi wi wi...“ zu hören, die der Beobachter leicht imitieren kann. Der Gesang eines Männchens besteht aus einer Reihe von wenigen Pfeiflauten, von denen jeder in der Tonhöhe gleichmäßig sinkt („Abwärtspfeifen“). Daneben gibt es noch eine Trillerstrophe. Ein gedämpftes „sit“ dient als Verbindungslaut nahrungssuchender Partner. Das Singen ist von der Witterung, aber nicht von der Temperatur abhängig. Die Gesangsfrequenz verstärkt sich (auch bei großer Kälte) von Ende Dezember bis zum Frühjahr hin. Mit Brutbeginn wird der Kleiber sehr still. Nach dem Ausfliegen der Jungvögel sind wieder verschiedene Laute zu hören. Der Kleiberbestand ist weitgehend stabil und bislang findet man den Singvogel auch nicht auf der „Roten Liste der gefährdeten Tiere“. Allerdings drohen seinem Lebensraum - dem Wald – Gefahren durch ökonomische Zwänge der Forstwirtschaft.

Die Kleiber stellen eine Familie kleiner Sperlingsvögel mit rund 27 Arten dar, die in Europa, Asien und Nordamerika verbreitet sind. Sie klettern an Bäumen auf und ab, wobei sie ihren Schwanz im Gegensatz zu Spechten und Mauerläufern nicht als Stütze verwenden, sondern ihre kräftigen Füße und den spechtartigen Schnabel benutzen. Mit dem spitzen Schnabel suchen sie in Ritzen und Spalten von Bäumen nach Insekten, deren Larven und Insekteneiern. Vor allem im Winter fressen sie auch Samen und Nüsse. Kleiber nisten in natürlichen Spalten oder Nisthöhlen, die von Spechten oder anderen Vögeln verlassen wurden. Das Nest wird mit Rindenstücken, Haaren, Gras und Federn ausgekleidet. Viele Arten verkleinern das Einflugloch durch Verkleben mit lehmiger Erde, um Höhlenkonkurrenten und Feinde auszuschließen; der deutsche Name Kleiber bedeutet Kleber.

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"Dieser Vogel fliegt nicht bei Beginn der kälteren Jahreszeit nach dem Süden sondern hält sich, wie der Baumläufer, das ganze Jahr in der gemäßigten Zone auf. Er lebt in waldreichen Gegenden, seine Nahrung besteht aus Insekten und Körnern. Um seine Beute zu erreichen, reißt er manchmal die Baumrinde ab. Wenn er hungrig ist, wagt er sich sogar in die Nähe der menschlichen Wohnungen, um seine Nahrung von den angelegten Futterstellen zu holen.
Wie das Bild zeigt, hat der Kleiber ein sehr schönes Gefieder; sein Schnabel ist dünn. Bemerkenswert ist die Geschicklichkeit, mit der er an den Bäumen herumklettert und zwar mit Vorliebe abwärts, mit nach unten gerichtetem Kopf. Der Schwanz dient dem Vogel nicht als Stütze, er verlässt sich nur auf seine Krallen.
Der Kleiber, auch Spechtmeise genannt, baut sein Nest in Höhlungen; die Öffnung formt er so, dass sie genau seinem Umfang entspricht, indem er die Ränder mit Lehm ausfüllt. Der Boden der Nester ist mit trockenen, wohlgeordneten Blättern bedeckt. Das Weibchen legt 4 bis 8 weiße, dunkelrot gefleckte Eier, die etwas größer als die des Baumläufers sind."

[aus Liebig's Sammelbilder: Serie 1104: Klettervögel]

»Illustrirtes Thierleben«  in zehn Bänden von 1882–1887:

"Die für uns wichtigste Art, der Kleiber oder Blauspecht, welcher auch wohl Spechtmeise, Holz-, oder Baumhacker, Baumpicker, Baumritter, Baumreuter oder Baumrutscher, Maispecht, Chlän, Gottler oder Tottler genannt wird (Sitta caesia, affinis, advena, coerulescens, pinetorum und foliorum), ist auf der Oberseite bleigrau, auf der Unterseite rostgelb; ein schwarzer Streifen zieht sich durch die Augen und läuft auf den Kopfseiten bis zum Halse herunter; Kinn und Kehle sind weiß, die seitlichen Weichen- und die Unterschwanzdeckfedern kastanienbraun, die Schwingen bräunlich schwarzgrau, licht gesäumt, die vordersten auch an der Wurzel weiß, die mittleren Schwanzfedern aschgraublau, die übrigen tiefschwarz mit aschblauer Spitzenzeichnung, die ersten auf der Außenfahne mit einer weißlichen Stelle vor der grauen Spitze und einem großen, viereckigen, weißen Flecke auf der Innenfahne. Das Auge ist nußbraun, der Schnabel oben hornschwarz, unten bleigrau, der Fuß horngelblich. Die Länge beträgt sechzehn, die Breite sechsundzwanzig, die Fittiglänge acht, die Schwanzlänge vier Centimeter. Das Weibchen unterscheidet sich durch den schmäleren schwarzen Augenstrich, den lichteren Unterkörper und die geringere Größe.
Früher nahm man an, daß Europa nur von einer einzigen Art dieser Sippe, deren Kennzeichen die oben angegebenen der Familie sind, bewohnt wird; gegenwärtig unterscheidet man ziemlich allgemein den größeren, oberseits blaugrünen, unterseits unrein weißen, an den Schenkelseiten rostroth gefärbten, an den Unterschwanzdeckfedern ebenso gesäumten Nordkleiber (Sitta europaea), welcher Skandinavien und Nordrußland bewohnt, und den ihm sehr ähnlichen, aber bedeutend kleineren Seidenkleiber (Sitta sibirica, uralensis, asiatica und sericea), welcher in Ostrußland und Sibirien bis Japan lebt, als besondere Arten.
Unser Kleiber fehlt im Norden Europas, findet sich aber von Jütland an bis Südeuropa allerorten. Er lebt nirgends in größeren Gesellschaften, sondern paarweise oder in sehr kleinen Familien und endlich mit anderen Vögeln vereinigt. Gemischte, hochstämmige Waldungen, in denen es aber nicht gänzlich an Unterholz fehlt, bevorzugt er allen übrigen Oertlichkeiten. Er scheut die Nähe des Menschen nicht und findet sich vor den Thoren der Städte oder in den belaubten Spaziergängen derselben ebenso zahlreich wie im einsamen Walde. Im Sommer kann ihn eine einzige Eiche stundenlang fesseln und ihm volle Beschäftigung geben; im Herbste ergreift auch ihn der Reisedrang, und er dehnt dann seine Streifereien etwas weiter aus. Unter allen Umständen hält er sich an die Bäume, und nur im äußersten Nothfalle entschließt er sich, eine baumleere Strecke zu überfliegen.
Der Kleiber zeichnet sich durch seine Regsamkeit und Anspruchslosigkeit vor vielen anderen Vögeln sehr zu seinem Vortheile aus. »Bald hüpft er an einem Baume hinauf«, sagt mein Vater, »bald an ihm herab, bald um ihn herum, bald läuft er auf den Aesten vor oder hängt sich an sie an, bald spaltet er ein Stückchen Rinde ab, bald hackt er, bald fliegt er: dies geht ununterbrochen in einem fort, so daß er, nur um seine Stimme hören zu lassen, zuweilen etwas ausruht. Seine Stellung ist gedrückt: er zieht fast immer den Hals ein, die Füße an und trägt die weichen und langen Federn locker auf einander liegend, wodurch er ein plumpes und ungeschicktes Aussehen erhält. Daß er diesem Aussehen nicht entspricht, haben wir oben gesehen. Sein Flug ist leicht, doch nicht sehr schnell, mit stark ausgebreiteten Schwingen und starker Flügelbewegung, nicht selten flatternd. Er fliegt gewöhnlich nicht weit in einem Zuge; daran ist aber nicht Unvermögen, sondern der Umstand schuld, daß er, um von einem Baume zum anderen zu kommen, selten eine große Strecke in der Luft auszuführen braucht. Daß ihm der Flug nicht sauer wird, sieht man deutlich daran, daß er sehr oft um die Wipfel der Bäume und ohne erkennbare Ursache zuweilen von einem Berge zum anderen fliegt. Auf dem Striche legt er oft eine Strecke von einem Kilometer, ohne sich niederzusetzen, zurück. Zuweilen klettert er lange Zeit hoch auf den Bäumen herum und wird dann nicht leicht gesehen; zuweilen ist er so zutraulich, daß er oft wenige Schritte vor dem Menschen sein Wesen treibt.« Er ist beständig fröhlich und guter Dinge, und wenn er wirklich einmal traurig aussieht, so beweist er im nächsten Augenblicke, daß dies nur Schein war; denn traurig wird er in der That erst dann, wenn er wirklich krank ist. Gewöhnlich macht er den Eindruck eines munteren, regsamen, zugleich eines listigen und verschlagenen Vogels. »Ein Hauptzug in seinem Wesen«, fährt mein Vater fort, »ist Liebe zur Gesellschaft, aber nicht sowohl zu seinesgleichen, sondern zu anderen Vögeln, namentlich zu den Meisen und Baumläufern. Mehr als zwei, drei oder vier Kleiber habe ich, wenn nicht die ganze Familie noch vereinigt war, nie zusammen angetroffen. Sie sind, da sie ihre Nahrung mühsam aufsuchen müssen, hier und da vertheilt und gewöhnlich die Anführer der Finken, Hauben- und Tannenmeisen, unter welche sich auch oft die Sumpfmeisen, die Baumläufer und die Goldhähnchen mischen.« Mitunter schließt sich ein vereinzelter Buntspecht der Gesellschaft an und hält dann längere Zeit gute Gemeinschaft. »Welches von diesen so verschiedenartigen Gliedern der Gesellschaft der eigentliche Anführer ist«, fügt Naumann hinzu, »oder welches die erste Veranlassung zu solcher Vereinigung gab, läßt sich nicht bestimmen. Einer folgt dem Rufe des anderen, bis der Trieb zur Fortpflanzung in ihnen erwacht und die Gesellschaft auflöst.« Diese Genossenschaften sind in allen unseren Wäldern sehr gewöhnliche Erscheinungen, und wer einmal den bezeichnenden Lockruf unseres Kleibers kennen gelernt hat, kann sie, durch ihn geleitet, leicht auffinden und selbst beobachten. Es herrscht eigentlich kein inniges Verhältnis unter der Gesammtheit, aber doch ein entschiedener Zusammenhang; denn man trifft dieselben Vögel ungefähr in der gleichen Anzahl tagelang nach einander an verschiedenen Stellen an. Der Lockton ist ein flötendes, helles »Tü tü tü«, der gewöhnliche Laut aber, welcher fortwährend gehört wird, ohne daß er eigentlich etwas besagen will, ein kurzes und nicht weit hörbares, aber doch scharfes »Sit«. Außerdem vernimmt man Töne, welche wie »Zirr twit twit twit« oder »Twät twät twät« klingen. Der Paarungsruf besteht aus sehr schönen, laut pfeifenden Tönen, welche weit vernommen werden. Das »Tü tü« ist die Hauptsache; ihm wird »Quü quü« und »Tirrr« zugefügt. Das Männchen sitzt auf den Baumspitzen, dreht sich hin und her und stößt das »Tü« aus; das Weibchen, welches sich möglicherweise auf einem Baume befindet, äußert sich durch »Twät«. Dann fliegen beide mit einander herum und jagen sich spielend hin und her, bald die Wipfel der Bäume umflatternd, bald auf den Aesten sich tummelnd und alle ihnen eigenen Kletterkünste entfaltend, immer aber laut rufend. Unter solchen Umständen ist ein einziges Paar dieser liebenswürdigen Vögel im Stande, einen ziemlich großen Waldestheil zu beleben.
Der Kleiber frißt Kerbthiere, Spinnen, Sämereien und Beeren und verschluckt zur Beförderung der Verdauung Kies. Erstere liest er von den Stämmen der Aeste ab, sucht sie aus dem Moose oder den Rissen der Borke hervor und fängt sie auch wohl durch einen raschen Schwung vom Aste, wenn sie an ihm vorbeifliegen. Zum Hacken ist sein Schnabel zu schwach, und deshalb arbeitet er nie Löcher in das Holz; wohl aber spaltet er von der Rinde ziemlich große Stückchen ab. Bei seiner Kerbthierjagd kommt er nicht selten unmittelbar an die Gebäude heran, klettert auf diesen umher und hüpft wohl sogar in die Zimmer herein. »Ebenso gern wie Kerbthiere«, sagt mein Vater, »frißt er auch Sämereien, namentlich Rothbuchen- und Lindennüsse, Ahorn-, Kiefer-, Tannen- und Fichtensamen, Eicheln, Gerste und Hafer. Bei völlig geschlossenen Zapfen kann er zu dem Samen der Nadelbäume nicht gelangen; sobald aber die Deckelchen etwas klaffen, zieht er die Körner hervor und verschluckt sie. Den Tannensamen, welchen außer ihm wenige Vögel fressen, scheint er sehr zu lieben. Wenn unsere alten Tannen reifen Samen haben, sind ihre Wipfel ein Lieblingsaufenthalt der Kleiber. Den ausgefallenen Holzsamen lesen sie vom Boden auf, die Gerste und den Hafer spelzen sie ab, und die Eicheln zerstückeln sie, ehe sie diese Früchte verschlucken. Hafer und Gerste scheinen sie nicht sehr zu lieben, sondern mehr aus Noth zu verzehren; denn man findet dieses Getreide selten in ihrem Magen. Rothbuchen- und Lindennüsse fressen sie sehr gern und heben sie auch für nahrungslose Zeiten auf. Ich habe die Kleiber oft mit Vergnügen auf den mit Nüssen beladenen Rothbuchen beobachtet. Ihrer zwei bis drei halten sich in der Nähe einer samenreichen Buche auf, fliegen abwechselnd auf sie, brechen mit dem Schnabel eine Nuß ab und tragen sie auf einen nahestehenden Baum, in welchen sie ein zum Einklammern derselben passendes Loch angebracht haben, legen sie in dasselbe, halten sie mit den Vorderzehen, hacken sie auf und verschlucken den Kern. Jetzt lassen sie die Schale fallen und holen sich eine andere Nuß, welche auf gleiche Weise bearbeitet wird. Dies geht oft stunden-, ja tagelang fort und gewährt wegen der beständigen Abwechselung, welche das Hin- und Herfliegen, das Abbrechen und Aufhacken der Nüsse bedingt, ein recht angenehmes Schauspiel. Die Hasel-, Linden- und Ahornnüsse behandelt der Kleiber auf ähnliche Weise. Sein feiner Geruch zeigt ihm stets so richtig an, ob die Nuß voll ist oder nicht, daß er nie eine leere abbricht. Das Durchbrechen der harten Schale einer Haselnuß kostet ihm einige Mühe; aber mit einer Linden-, Rothbuchen- oder Ahornnuß ist er schnell fertig. Sonderbar sieht es aus, wenn er die Nüsse fortträgt. Es geschieht stets mit dem Schnabel, den er, um eine Haselnuß zu fassen, ziemlich weit aufsperren muß.« Naumanns Beobachtungen zufolge liest er im Winter die abgefallenen Kirschkerne vom Boden auf und zerspaltet auch sie, um zu dem Inneren zu gelangen, oder sucht in den Gärten mit den Meisen nach den Kernen der Sonnenblumen, nach Quecken und Hanfsamen, welch letzterer ein Leckerbissen für ihn zu sein scheint. Nach Snell frißt er die giftigen Beeren der Zaunrübe, und die Knaben pflegen daher an manchen Orten mit den Ranken dieser Pflanzen die Meisenkästen zu umwinden, um durch die weithin sichtbaren rothen Beeren den Kleiber anzulocken. Hayden beobachtete ferner, daß er im Winter häufig die Larven der Buchengallmücke vom Boden aufnimmt. Diese allgemein bekannte, kegelförmige Galle gedachter Mücke befindet sich oft in großer Menge auf der Oberseite der Buchenblätter, wird im Herbste holzartig und fällt dann von den Blättern ab. Die Kleiber und die Meisen suchen sie emsig unter den Bäumen zusammen, hacken gewöhnlich an der Seite der Spitze ein Loch in den Mantel und sind so im Stande, die darin befindliche Made herauszuholen. Gewöhnlich ist die eingebohrte Oeffnung so klein, daß die Made kaum mit dem Schnabel herausgezogen werden kann, dieses vielmehr wahrscheinlich mit der Zunge geschehen muß. Als sonderbar hebt Hayden hervor, daß der Vogel stets den harten, holzartigen Theil an der Gallenspitze aufhackt, nicht aber die Stelle bearbeitet, welche nur durch ein dünnes, papierartiges Gespinst der Larve geschlossen ist. »Seine Vorrathskammer«, fährt mein Vater fort, »ist nach den Umständen bald der Spalt eines Baumes, bald ein anderer Ritz, zuweilen sogar das Dach eines Hauses. Er trägt aber nicht viele Nüsse an einen Ort, sondern steckt sie einzeln da und dorthin, ohne Zweifel, damit nicht der ganze Reichthum mit einem Male zu Grunde geht. Einmal diente das Strohdach eines Bauernhauses in hiesiger Gegend zum Nußlager eines Kleibers.«
Das Nest steht immer in Höhlungen, regelmäßig in Baumlöchern, ausnahmsweise in Mauer- oder Felsritzen. Sehr gern benutzt der kluge Vogel die vom Meister Specht gezimmerten Wohnungen zu seiner Kinderwiege, liebt aber nicht, daß die Thüre seiner Behausung größer sei, als es für ihn nöthig ist, und gebraucht deshalb ein höchst sinnreiches Mittel, um sich zu helfen, indem er den Eingang zu seinem Neste bis auf ein kleines Loch, welches für sein Ein- und Ausschlüpfen gerade groß genug ist, verkleibt. »Dies«, berichtet mein Vater ferner, »geschieht mit Lehm oder anderer kleberiger Erde, welche, wie bei den Schwalbennestern, durch den leimartigen Speichel angefeuchtet, verbunden und zusammengehalten wird. Er kommt mit dem Zukleiben seines Nestloches bald zu Stande, indem er ein Klümpchen Lehm nach dem anderen im Schnabel hinträgt und es mit demselben, nachdem es ringsum mit dem Speichel angefeuchtet ist, festklebt. Man glaubt einen kleinen Maurer zu sehen, welcher, um eine Thüre zu verschließen, einen Stein nach dem anderen einlegt und festmacht. Diese Lehmwand hat zwei Centimeter und darüber in der Dicke und, wenn sie trocken ist, eine solche Festigkeit, daß man sie nicht mit dem Finger ausbrechen kann, sondern den Meisel gebrauchen muß, wenn man sie sprengen will. Das Eingangsloch, welches sich stets in der Mitte der Lehmwand befindet, ist kreisrund und so eng, daß ein Kleiber kaum durchkriechen kann. Ist das Nest einmal so weit fertig, dann ist es vor allen Raubthieren gesichert; nur die Spechte vermögen die Wand zu zerstören und thun es, wenn ihnen der Kleiber ihr Nestloch weggenommen hat. Im Jahre 1819 hatte dieser kleine Vogel ein Schwarzspechtloch für seine Brut eingerichtet. Kaum war er damit fertig, so kam das Schwarzspechtpaar, um sein Nest zur neuen Brut zurecht zu machen. Das Weibchen näherte sich, staunte die Lehmwand an und zertrümmerte sie mit wenigen Schlägen. Ueberhaupt hat der Kleiber wegen der Behauptung seines Nestes, ehe dieses durch die Lehmwand gesichert ist, mit mehreren Vögeln zu kämpfen und muß ihnen oft weichen. So sah ich ein Kleiberpaar emsig bauen, aber noch ehe es das Eingangsloch verkleiben konnte, kamen ein paar Staaren und vertrieben die schwachen Spechtmeisen in kurzer Zeit.« Die Vollendung des Baues scheint bei beiden Gatten hohe Freude zu erregen. »Das Männchen«, sagt Päßler, »sitzt in der Nähe der gewählten Nisthöhle und jauchzt seinen Paarungsruf in die Luft, während das Weibchen eifrig ein- und ausschlüpft.« Man meint es ihnen aber auch anzumerken, daß sie nicht bloß erfreut sind, sondern sich auch vollkommen sicher fühlen. So untersuchte Pralle ein Nest und klopfte, um sich zu vergewissern, ob es bewohnt sei, unten an den Stamm. Der Vogel kam mit halbem Leibe aus dem Loche heraus, betrachtete den Forscher eine Weile neugierig und schlüpfte dann mit dem Gefühle der vollsten Sicherheit wieder in das Innere zurück. Dieses Spiel wiederholte sich noch einigemale, und erst, als der Baum erstiegen wurde, flog er ab. »Das Nest«, schließt mein Vater, »welches nach der Weite der Höhlung, in welcher es steht, bald einen großen, bald einen kleinen Umfang hat, ist stets von sehr trockenen, leichten Stoffen gebaut. In Laubhölzern besteht es aus Stückchen von Buchen- und Eichenblättern, in Nadelwäldern immer aus äußerst dünnen Stückchen Kieferschale, welche, da sie nicht eng verbunden werden können, so locker über einander liegen, daß man kaum begreift, wie die Eier beim Aus- und Einfliegen des Vogels zusammen und oben auf den Schalen gehalten werden können. Man sollte denken, sie müßten unter dem Wuste dieser dünnen Schalenblättchen begraben werden.« Auf dieser schlechten Unterlage findet man in den letzten Tagen des April oder in den ersten des Mai sechs bis neun, etwa neunzehn Millimeter lange, vierzehn Millimeter dicke, auf kalk- oder milchweißem Grunde äußerst fein mit hell- oder dunkler rothen, bald schärfer gezeichneten, bald verwaschenen Pünktchen gezeichnete Eier, welche mit denen der Meisen viel Aehnlichkeit haben. Das Weibchen bebrütet sie allein und zeitigt sie in dreizehn bis vierzehn Tagen. Die Jungen werden von beiden Eltern mit Kerbthieren, namentlich mit Raupen, groß gefüttert, wachsen rasch heran, sitzen aber so lange im Neste, bis sie völlig fliegen können. Nach dem Ausfliegen halten sie sich noch längere Zeit zu den Alten, von denen sie ernährt, vor Gefahren gewarnt und unterrichtet werden. Nach der Mauser vertheilen sie sich.
Der Kleiber geht ohne Umstände in den Meisenkasten, wenn dieser durch Hanf oder Hafer geködert wurde, kommt mit den Meisen auf den Meisentanz, fängt sich in Sprenkeln, auf Leimruthen oder auf dem Vogelherde, zufällig auch wohl in den Zimmern der Häuser, welche er unvorsichtigerweise besuchte, scheint den Verlust seiner Freiheit leicht zu verschmerzen, nimmt ohne weiteres Futter an, macht wenig Ansprüche und behält auch im Käfige die Anmuth seines Wesens bei. Mit anderen Vögeln verträgt er sich vortrefflich. Um die, welche ihm nicht zusagen, bekümmert er sich nicht, und mit denen, deren Gesellschaft er auch in der Freiheit aufsucht, hält er gute Freundschaft. So vereinigt er treffliche Eigenschaften eines Stubenvogels und erwirbt sich bald die Gunst des Liebhabers. Nur seine ewige Unruhe und unersättliche Arbeitslust kann ihn unangenehm werden lassen."  
  Alfred Edmund Brehm (1829–1884)