Der Kirschbaum in Blüte

Kirsche   Prunus avium / Prunus cerasus
[Süßkirsche / Sauerkirsche]


Als Kirschen bezeichnet man mehrere zur Rosengewächsgattung Prunus zählenden Steinobstgewächse. Die Süßkirsche oder Vogelkirsche, ein bis 20m hoher Baum Mitteleuropas und West-Asiens, hat weiße Blüten in Doldenbüscheln. Die kugeligen Früchte sind bei der wild wachsenden Vogelkirsche erbsengroß, rot oder schwarzrot, bei Kulturformen größer und süß. Sie werden in Herzkirschen mit weichfleischigen roten oder schwarzroten Früchten und Knorpelkirschen mit hartfleischigen gelben oder roten Früchten unterteilt. Die wild oder verwildert im Kaukasus und Kleinasien vorkommende Sauerkirsche (Weichselkirsche) wird auf der Nordhalbkugel in vielen Sorten und Varietäten als Obstbaum kultiviert; die roten Früchte (Sauerkirschen) enthalten reichlich Fruchtsäuren. Die wichtigsten Varietäten der Sauerkirsche sind: Schattenmorelle (Strauchweichsel) mit sauren dunkelroten Früchten; Glaskirsche (Amarelle, Baumweichsel) mit nur mäßig sauren Früchten; Morelle (Süßweichsel) und die u.a. in Südosteuropa angepflanzte Maraskakirsche.

Anbau  [Lex. 1905]

Der Kirschbaum verlangt einen mehr warmen, nicht feuchten, sandhaltigen Boden mit Kalk und wächst gut in lockerem Boden, dessen Untergrund aus Kalkmergel besteht. Nur wenige Sorten sind in Bezug auf eine freie Lage empfindlich, die meisten ertragen sie gut. Noch weniger eigen in Bezug auf Boden und Lage als der Süßkirschbaum ist der Sauerkirschbaum, der selbst auf feuchtem Standort noch gedeiht. Süßkirschbäume sind nur dauernd ergiebig, wenn man sie zuweilen düngt, oder wenn sie auf bearbeitetem, gedüngtem Boden stehen. Die Ostheimer Kirsche ist höchst empfehlenswert für Obstgärten sowie für das freie Feld und eignet sich besonders für sonnige, warme Abhänge in sandigem Lehmboden und in Kalkboden, mag er auch steinig und schlecht sein, wie z. B. bei Ostheim in Franken. Zur Vermehrung des Süßkirschbaumes erzieht man durch Aussaat der Steine der Vogelkirschen oder andrer gewöhnlicher Sorten Wildlinge, die meist in Kronenhöhe, selten niedriger, veredelt werden. Der Süßkirschbaum gedeiht am besten als Hochstamm, weniger als Pyramide oder am Spalier. Den Sauerkirschbaum vermehrt man leicht durch Ausläufer, die in den Baumschulen zu Hochstämmen erzogen werden. Man kann die Sauerkirschen aber auch auf Wildlingen der Süßkirsche veredeln. Zu Unterlagen für Zwergstämme von Glas-, Weichsel- und Sommerkirschen dienen Sämlinge der gewöhnlichen Weichsel- oder Mahalebkirsche. Für Spaliere wählt man fast nur Sauerkirschen, mit denen Wände in östlicher, westlicher, selbst nördlicher Lage bepflanzt werden können. In vielen Gegenden wird der K. im großen kultiviert, so namentlich im Alten Land an der Elbe, Hamburg gegenüber, bei Guben, Hirschberg, Meißen, Altenburg, bei Erfurt und Lauchstädt, an der Werra durch ganz Hessen, in der bayrischen Pfalz bei Ramberg, in Selzig bei Koblenz, im südlichen Nassau, an der Bergstraße, im badischen Bezirk Oberkirch, am Kaiserstuhl, im Neuffener Tal auf der Schwäbischen Alb, in Freudenberg am Main, in Ostheim, Forchheim, am Südrande der Fränkischen Schweiz, bei Bamberg, in der Mark Brandenburg, in Elsaß und Lothringen, dann in mehreren Kantonen der Schweiz, in Vorarlberg, bei Grenoble und Montmorency, in Gelderland und Nordholland, in Kent und Dalmatien. Nach der Zählung von 1900 gab es im Deutschen Reich 21,5 Mill. Kirschbäume, davon 13,8 Mill. in Preußen. Auf je 100 Hektar standen in Sachsen-Altenburg 195, in Anhalt 154, in Hamburg 139, in Schwarzburg-Sondershausen 126, in der Provinz Sachsen 116, im Königreich Sachsen 107, in Schwarzburg-Rudolstadt 104, in Lübeck 101, in Elsaß-Lothringen 100, in Baden 98, in Preußen 48 Kirschbäume. Im Alten Land stehen in der Regel vier Bäume auf einer ORute, die 600-1000 kg Kirschen liefern, aber selbst nur bei 200 kg den Ertrag des Ackerlandes weit übertreffen. Nicht jedes Jahr ist ein Kirschenjahr; aber unter 14 Jahren fallen, wie man in der Mark Brandenburg rechnet, nur 3 Jahre aus. Der Sauerkirschbaum bringt im Alter von 6-22 Jahren durchschnittlich jährlich 28 Lit. Kirschen.

Historisches [Lex. 1905]

Die Vogelkirsche war als europäischer Baum schon in vorgeschichtlicher Zeit und auch den alten Römern bekannt; auf kleinasiatischem Boden am Idagebirge und bei Milet scheint man veredelte Süßkirschen schon zur Zeit des Königs Lysimachos gekannt zu haben. Der Sauerkirschbaum scheint später als Obstbaum aufgetreten zu sein. Plinius erzählt, der römische Feldherr Lucullus habe die Kirsche aus der Stadt Kerasos an der pontischen Küste nach Italien verpflanzt. Plutarchos erwähnt dies in seinem »Leben des Lucullus« nicht; doch deutet der Name der sinopischen Kolonie allerdings darauf hin, dass dort Kirschen (griech. kerasos) in großer Menge kultiviert wurden. Der neu eingeführte Kirschbaum  (wohl nur eine besonders wohlschmeckende Kulturform) gedieh in Europa vortrefflich, und schon nach 120 Jahren, zur Zeit des Plinius, wurde er in Britannien angepflanzt und wuchs an den Ufern des Rheins und im heutigen Belgien. In der Folge veredelte er sich gerade diesseits der Alpen in höherem Grad als am Mittelmeer, wo ihm unter der Einwirkung der See das Klima zu gleichmäßig mild ist. Der griechische Name Kerasos ist in fast alle Sprachen übergegangen, und auch unser deutsches Kirsche leitet sich davon ab. Außerdem ist aber durch ganz Europa als zweiter Name, besonders der sauren Kirsche, Weichsel verbreitet, dessen Herkunft dunkler ist. Das deutsche Weichsel erscheint in vielen Sprachen wieder, aber über seine Bedeutung ist nichts bekannt.

Bedeutung  [Lex. 1905]

Die Kirschen finden hauptsächlich Verwendung als Obst, frisch, eingemacht und getrocknet (entkernte getrocknete Kirschen heißen Kirschrosinen); ferner verarbeitet man sie auf Kirschsaft, Kirschwein, Kirschbranntwein (Kirschwasser und Maraskino); aus den Samen kann man fettes Öl pressen, und da sie Amygdalin enthalten, geben sie, zerstoßen, mit Wasser angerührt und destilliert, ein bittermandelöl- und blausäurehaltiges Destillat, das wie Bittermandelwasser zu benutzen ist, auf den Kirschsteinen bringt man kunstvolle Schnitzereien an, die Blätter werden als Tee und zum Einlegen von Gurken benutzt, die Rinde in der Gerberei. Das Holz des Vogelkirschbaumes ist gelb oder gelbrot, gestreift, geflammt, mit zahlreichen Markstrahlen und deutlichen Jahresringen, grob, aber glänzend, ziemlich hart, schwer spaltbar, lässt sich leicht bearbeiten und durch Beizen dem Mahagoniholz ähnlich machen; es wird von Tischlern, Drechslern und Instrumentenmachern sehr gesucht, liefert dauerhafte Wein- und Essigfässer und wird auch verkohlt. Das rötliche, wohlriechende Holz der Mahalebkirsche ist sehr hart, nimmt schöne Politur an, springt wenig, widersteht der Fäulnis und wird zu seinen Tischler- und Drechslerarbeiten, namentlich auch zu Messerheften, verwendet. Die jungen dünnen Stämme liefern, wie erwähnt, Pfeifenrohre, die als türkische in den Handel kommen, und Spazierstöcke. Der Sauerkirschbaum liefert unechte Rohre; sein rötlichbraunes Holz zeichnet sich durch Härte, Feinheit und schöne Farbe aus und ist ebenfalls als Werkholz geschätzt. Aus dem Stamm des Kirschbaumes schwitzt bisweilen in großer Menge Kirschgummi aus.

Sakura

Die japanische Kirschblüte (jap.sakura) ist eines der wichtigsten Symbole der japanischen Kultur. Sie steht für Schönheit, Aufbruch und Vergänglichkeit. Die Zeit der Kirschblüte am Anfang des Frühlings ist eine Art fünfte Jahreszeit und ist fast wichtiger als der Frühling selbst. Normalerweise bezieht man sich auf die Blüten des Yoshino-Kirschbaums (Prunus x yedoensis) und anderer in Japan heimischer Kirscharten. Die Kirschblüte ist auch die offizielle Pflanze von Tokio. Die Kirschblüte beginnt in Japan Mitte oder Ende März in Kyushu und „wandert“ dann nach Nordosten, bis sie etwa Anfang Mai in Hokkaido ankommt. Während dieser Zeit wird im Rahmen der Wettervorhersage auch die „Kirschblüten-Front“ (jap. 桜前線 sakura zensen) angekündigt. Das sonst so einförmig wirkende Japan wird durch ein Meer von Kirschblüten (fast die Hälfte aller Laubbäume in japanischen Städten sind Kirschbäume) in rosa und weiß getaucht und ist plötzlich unwirklich schön.In den etwa zwei Wochen, in denen die Kirschen in der eigenen Stadt blühen, feiern die meisten Japaner das Hanami-Fest in den Parks mit Freunden, Kollegen und Familie, wenn möglich, jeden Tag und auch bis in die oft noch kalte Nacht hinein. Die Kirschblüte ist auch ein Anlass, zu für ihre Kirschblüte besonders berühmten Parks und Gegenden (z. B. Matsushima) zu reisen oder bekannte Sehenswürdigkeiten neu zu erleben.

Mit großen Herren ist nicht gut Kirschen essen

[Robert Högfeldt: Also geht es auf der Welt, Wien 1950]

Der Ursprung der Redensart fällt in eine Zeit, wo der Anbau der Kirsche noch auf die Klostergärten und die Baumgärten der vornehmen Herren beschränkt war; und so warnt die Redensart vor dem vertraulichen Verkehr mit den übermütigen, launenhaften Herren.

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