Die "Kerzen der Kastanien"

 

Wenn uns zur Zeit die weißen Kerzen der Kastanien beim Spaziergang durch Parkanlagen erfreuen [linke Abb.], so betrachten wir in Wirklichkeit die aufrechten, traubigen Rispen aus Blüten der Gewöhnlichen Rosskastanie (Aesculus hippocastanum L.). Der bis zu 30 m hohe, schnell wachsende Baum gehört zur Familie der Seifenbaumgewächse und trägt im Herbst grüne, mehr oder weniger bestachelte Kapselfrüchte. Diese Früchte sind allerdings für den Menschen ungenießbar. Sie enthalten das Gift Aesculin, das bei Verzehr zu Erbrechen und Lähmungserscheinungen führen kann.
Das Kuratorium "Baum des Jahres" ernannte die Gewöhnliche Rosskastanie am 11. November 2004 zum Baum des Jahres 2005. Ein wichtiger Grund für diese Entscheidung ist die Gefährdung der Baumart durch die Rosskastanienminiermotte, deren Larven sich ausschließlich von Nährstoffen der Blätter der Gewöhnlichen Rosskastanie ernähren. Die befallenen Bäume färben ihre Blätter schon im Spätsommer braun und verlieren diese auch vorzeitig. Der Baum wird durch den Befall geschwächt und ist dadurch anfällig gegen Krankheiten wie Pilzbefall. Durch eine erhöhte Aufmerksamkeit dieses Problems erhofft man sich schnellere Forschungserfolge für die Rettung der Bäume.

Nicht näher verwandt mit der Roßkastanie ist die einhäusige Edelkastanie (Castanea sativa Mill.), die zur Familie der Buchengewächse gehört. [rechte Abb.]  Ihre getrenntgeschlechtlichen Blüten erscheinen im späten Frühjahr. Aus den unscheinbaren, kleinen weiblichen Blüten entwickeln sich die stacheligen Fruchtschalen, in deren Innerem die braunen Früchte heranreifen. Die nussartigen Früchte sind essbar und werden meist Maronen genannt.

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Beschreibung der Roßkastanie in einem Lexikon von 1905:

Der echte Roßkastanienbaum  (Aesculus hippocastanum L.), ist ein schöner, ziemlich rasch wachsender, 19-25 m hoher Baum mit fünf- bis siebenzählig gefingerten Blättern und weißen, rot und gelb gefleckten Blüten, heimisch in den Hochgebirgen von Nordgriechenland, Thessalien und Epirus, auch in Imeretien, kam 1557 durch Busbeq nach Konstantinopel und 1576 durch Ungnad nach Wien. 1565 beschrieb ihn Matthiolus als Castanea equina und bildete einen Fruchtzweig ab. Erst um 1616 gelangte der Baum von Konstantinopel nach Frankreich, von wo er sich dann über ganz Europa verbreitete. Man kultiviert ihn bei uns namentlich als Alleebaum; er liefert wenig geschätztes Holz, die Samen werden von den Türken zum Füttern der Pferde benutzt (daher wohl der Name), aber auch von Schafen, Schweinen, vom Rindvieh, auch vom Wild gefressen und bisweilen auf Stärkemehl, zu Wasch- und Schnupfmitteln verarbeitet. Sie enthalten etwa 8 Proz. Protein, 7 Rohfett, 77 stickstofffreie Extraktstoffe, 2 Gerbstoff, 2,6 Proz. Asche. Ein Gehalt an saponinartigen Substanzen macht die Samen ungenießbar, und das Rohfett enthält außerdem ein Phenolderivat. Durch Behandeln mit Alkohol werden diese Körper entfernt, und man erhält dann ein wertvolles Nährpräparat, bez. Stärkemehl zur Spiritusfabrikation. Das Extrakt wird zur Herstellung von Toilettenseifen, aber auch bei Rheumatismus, Gicht, Neuralgien und gegen Frostbeulen benutzt Die als Fiebermittel, auch zum Gerben empfohlene Rinde enthält außer Gerbstoff Äskulin (Schillerstoff) C15H16O9, das farb- und geruchlose Nadeln bildet, schwach bitter schmeckt, in Wasser und Alkohol, wenig in Äther löslich ist und auch noch in sehr schwacher Lösung stark fluoresziert. Es wird durch Säuren in Glykose und Äskuletin, ein Dioxycumarin, gespalten. Die rot blühende Pavie (A. Pavia L.), aus dem westlichen Nordamerika, mit nicht klebrigen Knospen, fünfzählig gefingerten Blättern, roten Blüten und glatten, nach der Basis zu verschmälerten, gleich den Blättern giftigen Früchten, enthält viel Saponin in der Wurzel, die deshalb in Amerika als Waschmittel benutzt wird.

"Die Kastanien aus dem Feuer holen"
 

Die Redewendung besagt so viel wie »für einen anderen eine unangenehme Sache erledigen«. In der Fabel »Le singe et le chat« (»Der Affe und die Katze«) des französischen Dichters La Fontaine (1621 - 1695) überredet der Affe, der gerne die im Feuer bratenden Kastanien verspeisen möchte, die Katze, sie für ihn aus der glühenden Asche herauszuholen.

Namenserklärungen:

aesculus: antiker Pflanzenname, lat. aesculus = eine dem Jupiter heilige, auf Bergen wachsende Eichenart von hohem Wuchs und festem Holz.
hippocastanum: zu griech. hippos = Pferd und kastanon = Esskastanie; nach den esskastanienähnlichen Samen, die von den Türken als Pferdefutter und Pferdeheilmittel (gegen Pferdehusten) in den Westen gebracht wurden.
lat. castaneae nuces = antiker Name für Kastanien, Maronen
lat. sativus = gesät, angepflanzt.
 

Beschreibung der echten Kastanie in einem Lexikon von 1905:

Der echte Kastanienbaum ist ein schöner, großer Baum, der kolossale Dimensionen erreicht (Kastanienbaum des Ätna: 60 m Umfang), hat länglich-lanzettliche, stachelspitzig gesägte, glänzende Blätter und große, kurz und plötzlich zugespitzte, braune, matt glänzende Früchte. Der Kastanienbaum ist in den Mittelmeerländern heimisch, wächst in Südeuropa bis Ungarn, auch in Südwestdeutschland, reist jenseits des 50.° nördl. Br. die Früchte nicht mehr, wächst auch in Nordindien, Japan und im östlichen Nordamerika, wird bei uns auch als Ziergehölz angepflanzt. Das Holz ist schön weiß oder hellbraun, sehr feinfaserig, höchst geschmeidig, weich und leicht und gilt als ungemein dauerhaft. In Frankreich und England dient es zum Land- und Schiffbau, auch als Tischler- und Drechslerholz und in Weingegenden zu Fässern; das Wurzelholz gibt sehr geschätzte Masern. Die Früchte (Kastanien, Maronen, vielleicht nach der Stadt Kastana in Thessalien benannt) sind süßlich, mehlig und kommen aus Italien, Frankreich und Tirol in den Handel. Die Rheinpfalz, die Bergstraße, Nassau etc. liefern kleinere Kastanien. Bei uns dienen sie, geröstet oder gekocht, als Delikatesse, in Italien und Frankreich aber bilden sie ein Volksnahrungsmittel und geben auch treffliche Viehmast. Sie enthalten: 39,82 Wasser, 3,80 stickstoffhaltige Substanz, 2,49 Fett, 43,71 Stärke etc., 8,09 Faser, 2,09 Mineralstoffe. Man muss sie trocken und vorsichtig aufbewahren, da sie leicht schimmeln und von Würmern angegangen werden, auch im Frühjahr leicht keimen.