Der Magenteufel:  Helicobacter pylori

Gutgelaunte australische Magenforscher:
 

Warren und Marshall

Die Schlagzeile:

Der Nobelpreis für Medizin geht im Jahre 2005 an die beiden australischen Wissenschaftler Barry Marshall and Robin Warren. Sie erhalten die Auszeichnung für die Entdeckung des Magenbakteriums Helicobacter pylori. Das teilte das Karolinska Institut in Stockholm mit. Mit diesem Bakterium ist etwa die Hälfte der Weltbevölkerung infiziert. Es führt bei einigen Menschen zu Magengeschwüren und im schlimmsten Fall zu tödlichem Krebs. Beide Mediziner haben dem Komitee zufolge entdeckt, dass das Helicobacter-Bakterium bei fast allen Patienten vorkommt, die an Gastritis, Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren leiden.

 


 

Der Pathologe Warren (rechts) fand heraus, dass bei einer Entzündung der Magenschleimhaut immer auch eine Infektion mit dem Helicobacter-Bakterium zu beobachten sei. (1979)

Der Mikrobiologe Marshall züchtete aus Patienten-Gewebeproben eine Kultur des Bakteriums. (1982)

 

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Die Kochschen Postulate:

1. Der Erreger muss in allen Krankheitsfällen nachweisbar sein.
2. Der Erreger muss sich aus dem erkrankten Organismus isolieren und in Reinkultur züchten lassen.
3. Dieser isolierte und in Reinkultur gezüchtete Erreger muss das gleiche Krankheitsbild erzeugen (Tierversuch).
4. Dieser isolierte und in Reinkultur gezüchtete Erreger muss bei den durch ihn infizierten Organismen nachweisbar sein (Tierversuch).

Robert Koch (1843-1910)

 


In Gewebeproben von Patienten mit Gastritis entdeckte 1979 der heute 68jährige Pathologe Warren seltsame stäbchenförmige Bakterien. Damals wollte ihm keiner Glauben schenken: Im extrem sauren Milieu des Magens konnte es keine Bakterien geben, Stress und falsche Ernährung machte man für die Entzündungen verantwortlich. Doch Warren blieb hartnäckig und mit Unterstützung des jungen Marshall gelang ihm 1982 der Beweis. Zunächst scheiterten die beiden daran, die entdeckten Bakterien zu kultivieren. Bis eine Probe im Brutschrank über die Osterfeiertage hinweg vergessen wurde: Endlich tummelten sich dort die Keime, die Marshall für einen Selbstversuch nutzte: Er schluckte die Kulturflüssigkeit, deren Geschmack er heute mit Brackwasser vergleicht. Eine Woche später tauchten die ersten akuten Symptome einer Magenschleimhautentzündung (Gastritis) auf: Marshall hatte mit seinem Körper die Kochschen Postulate [links] an einen Krankheitserreger erfüllt, und Antibiotika erlösten ihn schließlich von seinem selbstverursachten Leiden. Im Fachmagazin "The Lancet" veröffentlichten die beiden Forscher anschließend ihre heroische Studie in einem kurzen "Brief", doch es sollte sechs bis acht Jahre dauern, bis sich ihre These durchgesetzt hatte. 1994 kam für die Forscher der endgültige Durchbruch: Die Erkenntnisse wurden von der entscheidenden Institution in den USA, einem Rat der Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH), anerkannt. Im selben Jahr stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Helicobacter pylori als krebserregend ein.


 

Warum nicht jeder Infizierte an einem Geschwür erkrankt, haben die Forscher noch nicht endgültig geklärt. Als mögliche Gründe werden aufgeführt:

  • es gibt verschiedene Stämme des Keims, einige davon sind aggressiver
  • manche Menschen sind von ihrer genetischen Veranlagung her robuster als andere und werden deshalb besser mit dem Keim fertig
  • andere Risikofaktoren ( Stress, Rauchen, Ernährung usw. ) kommen dazu
  • der Zeitpunkt der Infektion scheint ebenfalls eine Rolle zu spielen

Auch für die Entstehung von Magenkrebs wird Helicobacter inzwischen mitverantwortlich gemacht, so hat die Weltgesundheitsorganisation ihn 1994 in die oberste Krebsrisikoklasse eingestuft. Als sicher gilt, dass Helicobacter für eine spezielle Form von Magenkrebs, das so genannte MALT Lymphom, verantwortlich ist und hier gelang es bereits, Patienten, die am MALT Lymphom erkrankt waren, ausschließlich mit einer Antibiotikatherapie, wie sie auch bei Geschwüren angewandt wird, zu heilen.


 

Die früher übliche operative Therapie (z.B. Magenteilresektionen nach Billroth) ist in den letzten Jahren von effektiven medikamentösen Behandlungen verdrängt worden und heute nur noch bei Komplikationen notwendig. Wenn in einem Magengeschwür Helicobacter pylori nachgewiesen wurde, wird dieser Keim abgetötet (Eradikation). Hierzu wird im allgemeinen eine Antibiotika-Kombination über eine Woche verabreicht. Zur Abheilung des Geschwürs wird die Säureproduktion des Magens mit einem so genannten Protonenpumpenhemmer vermindert. Schleimhautschädigende Faktoren (Rauchen, einige Schmerzmedikamente) sollten gemieden werden. Hierunter heilt im Regelfall das Geschwür ab, dies sollte nach etwa 6 Wochen mittels Magenspiegelung kontrolliert werden.

                                                         

 

     

 

Helicobacter pylori kann mit Hilfe des Enzyms Urease, das es auf seiner Oberfläche trägt, im sauren Magensaft überleben. Dieses Enzym bildet aus Harnstoff ( eine Substanz, die in großen Mengen beim Zersetzen des Nahrungsbreis entsteht) eine Ammoniakwolke um das Bakterium. Ammoniak ist eine säureneutralisierende Substanz und damit so eine Art "chemischer Schutzanzug" für das Bakterium. Das Bakterium bohrt sich dann durch die Schleimschicht der Magenwand und setzt sich auf den Zellen darunter fest. Hier vermehrt es sich und sendet dabei giftige Substanzen in die Zellen der Magenwand; die Folge: die Schleimhautzellen entzünden sich, es kommt zu einer Magenschleimhautentzündung, einer so genannten Gastritis. Der menschliche Körper ist nicht in der Lage, das Bakterium mit seinen üblichen Abwehrmethoden wieder loszuwerden, d.h. wer einmal mit Helicobacter pylori infiziert ist, behält es auch, zumindest solange, bis der Keim mit der speziellen Antibiotikatherapie bekämpft wird. Allerdings bekommt nur ein Bruchteil der Infizierten auch ein Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür. Man schätzt, dass ca 10% aller Infizierten an einem Magengeschwür und bis zu 30% an einem Zwölffingerdarmgeschwür erkranken.

 

Der direkte Nachweis des Helicobacter pylori geschieht durch mehrere Probeentnahmen aus dem letzten Drittel des Magens und dem mikroskopischen Nachweis. Aus den Proben kann auch mittels eines Testes auf das Vorhandensein der Urease geschlossen werden und damit indirekt auf das Vorhandensein des Helicobacter. Auch kann man mittels eines Atemtestes das Bakterium mit hoher Wahrscheinlichkeit nachweisen. [Abb.]  Beim Atemtest trinkt der Patient eine 13C Isotopen-markierte Harnstofflösung. Beim Vorhandensein des Bakteriums wird der Harnstoff durch die Urease gespalten und 13C markiertes Kohlendioxid abgeatmet, welches dann nachgewiesen [IR- Spektrometer] werden kann. Da 13C ein stabiles Isotop ist, ist der Test völlig ungefährlich. Möglich ist auch der Nachweis des Keimes im Stuhl.