Heines Matratzengruft

Was ist die multiple Sklerose [MS] ?

Die Encephalomyelitis disseminata ist eine entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems, bei der Entzündungsherde (mit Schädigung von Markscheidengewebe und geringer ausgeprägt auch von Nervenfortsätzen sowie nachfolgender Gewebeverhärtung) entstehen; bevorzugt zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr in unterschiedlichen Schweregraden auftretend, meist in Schüben, oft von langen beschwerdefreien Intervallen unterbrochen, mit langsam fortschreitendem Verlauf. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. Die mittlere Krankheitsdauer beträgt inzwischen mehr als 25 Jahre. Unter den vielen Theorien zur Ursache wird u. a. von einer Autoimmunkrankheit (d.h., das Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Körper) ausgegangen, wobei sich der Verdacht auf T-Lymphozyten konzentriert, die über die Blut-Hirn-Schranke in das Markscheidengewebe eindringen und einen Zerfall bewirken. Genetische Faktoren, Erreger (z.B. Viren) und Umwelteinflüsse spielen jedoch ebenso eine Rolle. Bei über 90% der Betroffenen können die Herde in Gehirn und Rückenmark durch Kernspintomographie nachgewiesen werden. Zu den häufigsten, unterschiedlich stark ausgeprägten und selten gleichzeitig auftretenden Symptomen zählen reversible Lähmungserscheinungen an den Gliedmaßen, Gefühlsstörungen (u. a. Taubheitsgefühl), Zittererscheinungen bei beabsichtigten Bewegungen sowie Sehstörungen. Ein wichtiger Bestandteil der Behandlung sind körperliches Training (u. a. Krankengymnastik) und psychische Betreuung (u. a. Selbsthilfegruppen). Medikamentös stehen Cortisonderivate, Cyclophosphamid, Azathioprin, das Polypeptid Copolymer1 und u. a. Betainterferon zur Verfügung.

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Die Schlagzeile:

Vor 150 Jahren starb der Dichter Heinrich Heine (1797 bis 1856) in seiner Pariser "Matratzengruft". Über die Todesursache ist man sich bis heute nicht einig. Erlag er den Folgen einer Bleivergiftung [Untersuchung einer Haarprobe aus dem Nachlass], starb er an Syphilis [Er selbst glaubte daran erkrankt zu sein.] oder litt er in Wahrheit an einer speziellen Form der multiplen Sklerose? Moderne Medizinhistoriker stimmen letzterem zu.
Heine starb in der Nacht vom 16. zum 17. Februar 1856, früh um 5 Uhr in Paris. Er wurde in den letzten Jahren seines Lebens durch ein Nervenleiden an die "Matratzengruft", wie er sein Krankenlager nannte, gefesselt. Im Februar 1848 brach Heinrich Heine zusammen und konnte nun sein Zimmer 8 Jahre lang nicht mehr verlassen. Mit Morphium ertrug er seine Schmerzen. Seine letzten Lebensjahre verbringt er fast völlig bewegungsunfähig im Bett. Er ist fast blind, hört schlecht und der Tastsinn der Extremitäten ist verloren gegangen. Obwohl Heine ab 1848 bis an sein Ende an seine „Matratzengruft” gefesselt war, schien seine Schaffenskraft weder im Poetischen noch im Essayistischen gebrochen. Kritische Auseinandersetzungen mit den epigonalen und politischen Strömungen der zeitgenössischen deutschen Literatur fehlen ebenso wenig wie hochkarätige Lyrik.

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Ich weiß nicht, was soll es bedeuten
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.


Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldnes Geschmeide blitzet
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
ergreift es mit wildem Weh,
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lorelei getan.

 Christian Liedtke  "Heinrich Heine"    Leben und Werk    aus   "Vielleicht bin ich gestorben längst" :

»In demselben Maße wie die Revolution Rückschritte macht, macht meine Krankheit die ernstlichsten Fortschritte.« Ob Heines Schilderung des Zusammenbruchs vor der Venus von Milo ein biographischeFaktum wiedergibt, ist ungewiss, fest steht jedoch, dass er tatsächlich »im Mai 1848 zum letzten Male ausging«. Seine Beine, die linke Körperhälfte wie die Augenlider sind seitdem gelähmt, das linke Auge erblindet. Seinem Bruder Gustav schreibt er: »...denke Dir die furchtbarsten Rückgratskrämpfe und dabei doch die Notwendigkeit, auf diesem unglücklichen Rückgrat beständig zu liegen, ohne ein Glied rühren zu können. Nur einige Minuten, während das Bett gemacht werden muss alle 24 Stunden, werde ich auf einen Sessel gesetzt, wie eine Holzpappe mit abgezehrten, zusammen gekrümmten Beinen.« Ohne Hoffnung auf Besserung oder gar Heilung hält dieser qualvolle Zustand seit dem Frühjahr 1848 an. Er weiß: »...nur mit der Kirchhofsgruft / Vertausch ich dies fatale Zimmer«, und doch ist an der »Krankheit selbst das allerschlimmste, dass man so lange dabei am Leben bleibt«. Gustav Heine, der im August 1851 zu Besuch kommt, berichtet: »Obwohl ich auf den schrecklichen Anblick gefasst war, den der Zustand meines Bruders hervorbringt - so erschrak ich dennoch derart über sein Leiden, dass ich anfangs gar nicht sprechen konnte. Seit drei Jahren liegt er zu Bette, ohne es verlassenzu haben. Das linke Auge ist gänzlich geschlossen und wenn er mich ansehen wollte, so musste er das Augenlid des rechten Auges emporheben. Der Körper ist abgemagert, die Füße sind vollkommen gelähmt und zusammengezogen. - Um die fürchterlichen Schmerzen ein wenig zu lindern, wird in eine am Halse offen gehaltene Wunde Opium eingestreut.« Und ein anderer Besucher schreibt: »Kaum vermochteich unter der leichten weißen Bettdecke den kleinen Körper wahrzunehmen, der ohne Muskeln, ohne Fleisch, fast ohne Blut, nur einem mit feiner Haut überkleideten Skelette glich. Sein Bart war weiß und struppicht und das einzige äußerliche Zeichen, dass der hier im Bett liegende Mensch kein Kind seiner Entwickelung nach, sondern ein Mann war.« Dieses »Bett« ist eigentlich ein Lager aus mehreren übereinander auf den Boden gelegten Matratzen - die berühmte »Matratzengruft«, in der Heine insgesamt fast acht Jahre zubringt. »Ein Grab ohne Ruhe, der Tod ohne die Privilegien der Verstorbenen, die kein Geld auszugeben und keine Briefe oder gar Bücher zu schreiben brauchen - das ist ein trauriger Zustand. Man hat mir längst das Maß genommen zum Sarg, auch zum Nekrolog, aber ich sterbe so langsam, dass solches nachgerade langweilig wird für mich, wie für meine Freunde. Doch Geduld, alles hat sein Ende. Ihr werdet eines Morgens die Bude geschlossen finden, wo euch die Puppenspiele meines Humors so oft ergötzten.« Über Art und Ursache von Heines Krankheit ist
viel spekuliert worden, die weitaus häufigste »Diagnose« (an die auch Heine zuzeiten geglaubt zu haben scheint) lautet auf Syphilis, obwohl es keinen Beleg für eine Infektion gibt und viele Symptome - vor allem die Tatsache, dass Heine bis zuletzt bei klarem Verstand bleibt - dagegen sprechen. Die medizinhistorische Studie von Henner Montanus, die gründlichste Untersuchung von Heines Krankengeschichte, schließt Syphilis denn auch aus. Sie stellt fest, dass »eine Sicherung der Diagnose der Krankheit Heines auf der Grundlage moderner medizinischer Kenntnis-se nicht möglich« ist, kommt jedoch nach eingehender Analyse der vielfältigen Zeugnisse zu dem Ergebnis, daß er »mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit« an einer »Tuberkulose mit Multiorganbeteiligung« litt, die sich als Rückenmarkshaut- und Hirnhautentzündung (Meningitis/Meningoencephalitis tuberculosa) äußerte. »Niedergeworfen von unheilbarer Krankheit, bei lebendigem Leibe schon ausgestrichen aus dem Buchedes Lebens, gemartert von den entsetzlichsten
Schmerzensqualen hat dieser Mann die ganze Energie seines aristophanischen Geistes, die volle Kraft seines unverwüstlichen Humors und all die schneidende Schärfe seines vernichtenden Witzes bewahrt« staunt der Schriftsteller Adolf Stahr. Aber erstaunlicher noch als die Tapferkeit und Geistesklarheit, mit der Heine sein Leiden erträgt, ist die poetische Produktivität, die er unter diesen Bedingungen entfaltet. »Nur zwey Tröstungen sind mir geblieben und sitzen kosend an meinem Bette: meine französische Hausfrau und meine deutsche Muse. Ich knittele viele Verse, und es sind manche darunter, die wie Zauberweisen meine Schmerzen kirren, wenn ich sie für mich hin summe. Ein Poet ist und bleibt doch ein Narr!« Seit Beginn seiner Dichterlaufbahn bedeutet das Schreiben für Heine stets auch Selbstbehauptung, und so scheint es in seiner »Matratzengruft« erst recht zu sein. Da er nur wenig Schlaf findet, arbeitet er oft nachts, tagsüber diktiert er dann einem Sekretär, den er auch für seine Korrespondenz und zum Vorlesen beschäftigt. Die ständige Reflexion dieser Entstehungssituation gehört zu den Besonderheiten, die den einzigartigen Charakter von Heines Spätwerk prägen.